Land ohne Kinder – kleines Gedankenspiel zu einer Dokumentation

Vor einiger Zeit gab es eine sehr interessante Dokumentation im Fernsehen: Land ohne Kinder – Auf der Suche nach der nächsten Generation.

In „Land ohne Kinder“ wurden sich fünf Länder Europas gegenüber gestellt und verglichen; Deutschland, Italien, Frankreich, Irland und Schweden. Vor allem die Mentalitäten und die Möglichkeiten für Mütter von Kleinkindern wieder arbeiten zu gehen und deren Position in der Gesellschaft wurden beleuchtet. Die Politik und die gesellschaftlichen Einstellungen sind in allen Ländern sehr verschieden.

Hier in Deutschland ist es schwierig für eine Mutter arbeiten zu gehen. Man muss die richtige Betreuung finden und vor allem mit seinem Gewissen ins Reine kommen, denn hier gilt eine Mutter, die arbeiten geht, oft noch als „Rabenmutter“. Väter hingegen, die sich auch Zeit für ihre Kinder nehmen, sind immer mehr akzeptiert. Das macht es uns Müttern etwas einfacher. Manchmal denke ich, es gibt nur zwei extreme Lager, aber nichts dazwischen: Die Vollblut-Mütter, die gerne zuhause bleiben und ihr Kind so lange wie möglich zuhause betreuen und die arbeitenden Mütter, die ihre Kinder den ganzen Tag lang von irgendwelche Einrichtungen betreuen lassen. Alles dazwischen wird hier kaum thematisiert.
Ist es in Deutschland für Mütter zwar schwierig, aber möglich, eine Arbeit zu finden, ist es in Italien ein Ding der Unmöglichkeit. Hat eine Frau in Italien ersteinmal Kinder, findet sie keinen gut bezahlten und anspruchsvollen Job mehr. Es ist Aufgabe des Vaters, Mutter und Kinder finanziell zu versorgen. Dafür halten sie sich grundlegend aus der Kinderbetreuung heraus – alles hängt alleine an der Mutter. Halbtagsstellen gibt es dort kaum und selbst, wenn die Mutter hoch qualifiziert ist, kommt sie nicht über einen Aushilfsjob hinaus.

Die Situation in Irland ist ähnlich, wie in Italien. Gesellschaftlich herrscht dort aber wieder eine völlig andere Mentalität. Die Mütter in der Dokumentation haben sich sehr viel und gut um ihre Kinder gekümmert – aber nicht gearbeitet; freiwillig, ohne Druck dahinter. Staatliche Einrichtung zur Kinderbetreuung gibt es dort kaum.
Während der Wunsch nach Arbeit in Irland dem Familienwunsch nachstand, ist es in Frankreich wieder völlig umgekehrt. Dort wird man als Mutter schief angesehen, wenn man nicht bald möglichst wieder arbeiten geht und die Kinderbetreuung entsprechenden Einrichtungen überlässt. Aber auch hier bleibt die Betreuung – oder vielmehr die Suche nach einem Platz und alles andere, was die Kinder betrifft – auch Frauensache. Die Väter beteiligen sich nicht oder kaum.

Das beste Konzept und auch die beste staatliche Unterstützung hat Schweden. Es ist das einzige der genannten Länder, dass die Väter schon per Gesetz mit in die Kinderbetreuung einbezieht. Die Väter müssen Elternzeit nehmen, wenigstens ein paar Monate. Und sie machen es gerne. In Schweden scheut sich kein Vater auch zu sagen, er möchte für seine Kinder da sein, sich um seine Kinder kümmern. Auch die Arbeitgeber akzeptieren das. Vielleicht nicht immer freudestrahlend, aber sie tun es.

Und ich?

Meine Situation ist folgende: Ich arbeite halbtags, während mein Mann sich zuhause um die Kinder kümmert. Nach der Geburt unseres Sohnes war es im Grunde Zufall, wer zuerst eine Arbeitsstelle bekommt; ich habe gewonnen. Seit dem hat mein Mann nicht mehr als einen Minijob hier und da, aber keine richtige Arbeit. Stattdessen schmeißt er mal gut mal schlecht den Haushalt.
Ich für meinen Teil hatte Glück, ich bin im Öffentlichen Dienst gelandet. Man kann dem Öffentlichen Dienst ja so einiges nachsagen, aber für eine Frau mit Kindern ist die Arbeitssituation ideal. Ich habe Gleitzeit und Cheffs, die verstehen, wenn ich mir spontan Urlaub nehmen muss, weil irgendetwas ist – seien es nun die Kinder, mein Mann oder sogar unsere Haustiere. Ich könnte sogar mehr oder weniger Stunden Arbeitszeit bekommen, wenn ich nur wollte. Ich bin so flexibel, wie ich es sein muss und noch dazu macht mir meine Arbeit wirklich Spaß.

Manchmal hätte ich es gerne anders. Manchmal wünschte ich mir, das finanzielle hinge nicht nur an mir. Mein Gehalt reicht gerade so aus. Wir sind nicht reich, aber wir kommen gut über die Runden, auch wenn es manchmal knapp wird. Ohne Arbeit würde ich mich aber auch nicht wohl fühlen. Ich brauche es, mich auch mit etwas anderem beschäftigen, als nur mit den Kindern. Das empfinde ich als Wohltat und habe so mehr Muse mich mit ihnen zusammen etwas zu machen, wenn ich zuhause bin.

Überdenke ich nun meine Situation und betrachte sie im Kontext der Dokumentation, denke ich, wir müssten nach Schweden ziehen. Nicht, dass das so einfach möglich wäre. Aber hier in Deutschland kommen wir uns manchmal wie echte Exoten vor.
In Schweden wären wir über jeglichen schiefen Blicke und jegliche Kritik über unser Familienkonzept erhaben. Ich hätte vielleicht nicht so oft ein schlechtes Gewissen, weil ich arbeiten gehe und müsste mich nicht öfter als „Rabenmutter“ fühlen, als mir lieb ist. Mein Mann stünde nicht unter dem Erwartungsdruck, der Familienernährer zu sein und von anderen Vätern als Versager dazustehen, weil er es nicht ist. Er schlägt sich als Hausmann gut und wenn ich mich auf eines verlassen kann, dann dass unsere Kinder bei ihm in guten Händen sind. Und auch er ist damit soweit zufrieden.
Dennoch stößt das bei vielen auf völliges Unverständnis.

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2 Kommentare zu “Land ohne Kinder – kleines Gedankenspiel zu einer Dokumentation

  1. In welchem Teil Deutschlands wohnst Du denn? Ich bin „ostsozialisiert“, und für mich ist es das normalste der Welt, wie für viele andere hier auch, sein Kind in einer Kita betreuen zu lassen und arbeiten zu gehen – was ich im nächsten Jahr auch tun werde. (Hoffentlich finde ich einen guten Kitaplatz, hier muss man auch schon vor Geburt anfangen zu suchen. Die erste Ablehnung kam gestern …) Ich staune immer wieder, dass das mit den „Rabenmüttern“ immer noch so sein soll.

    • Jetzt wo du das anmerkst, fällt mir auf, dass sie keinen Unterschied zwischen den alten und den neuen Bundesländern gemacht haben. Dabei sind allein da die Mentalitäten durchaus verschieden.
      Ich wohne zwar in Hessen, aber ich glaube, ich habe ohnehin so was wie eine „Sonderposition“ inne. Für eine Studierte habe ich sehr früh Kinder bekommen. Meine Freunde haben alle keine Kinder. Gleichaltrige Frauen, die auch schon Kinder haben, sind in meinem Umfeld leider eher die, die dann auch zuhause bleiben können und wollen; Frauen mit Kindern im gleichen Alter sind dann die sogenannten „späten Mütter“ (um die ging es in Deutschland übrigens auch, die habe ich aber dreist unterschlagen ;)). Die haben natürlich auch schon ein gutes Standbein und meistens auch etwas erreicht.
      Ich für meinen Teil habe da den gleichen Fehler gemacht, wie meine Mutter: auch sie hatte früh Kinder, hat aber gleichzeitig noch studiert und ist Ärtzin geworden. Meine Eltern haben auch immer beide gearbeitet, für mein Empfinden ist es also auch nicht falsch, seine Kinder in eine städtische Betreuung zu geben. Meine Mutter galt aber unter ihren „Weibern“ auch immer als Rabenmutter.

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