Mein schlechtes Gewissen – oder: Man kann nicht alles richtig machen

Rettungswagen

Rind @ Uschi Dreiucker, Fleich @ Peter Smola / pixelio.de

An so manchen Stellen, wenn es hier in meinem Blog um das Thema Ernährung ging, habe ich bereits erwähnt, dass ich Vegetariern bin. Ich bin Vegetariern aus Überzeugung. Kein Tier sollte Leiden müssen, nur damit ich billig ein Schnitzel oder ähnliches Essen kann. Oft finde ich allein die Vorstellung etwas zu essen, dass nicht einmal erwachsen war, einfach widerlich. Bei der Erwähnung von Lammfleisch muss ich mich jedes Mal schütteln.

Nun ist es aber so, dass ich meinen Kindern die Entscheidung nicht aufzwinge. Ich koche vegetarisch, reichere ein oder zwei Mal die Woche die Gerichte mit Tofu- oder Sojaprodukten an und mache meinen Kindern auch Wurstbrote, wenn sie sie haben wollen. Fleisch selbst aber koche ich nicht, das übernimmt – wenn überhaupt – mein Mann.

Es ist aber nichteinmal der Konflikt zwischen Fleisch und kein-Fleisch, der mir aufstößt. Söhnchen weiß, dass ich kein Fleisch esse, er weiß auch warum. Und weswegen ich seine geliebte Gelbwurst über unseren Bio-Lieferanten bestelle. Wenn schon, dann wenigstens Schweine, die sich glücklich im Schlamm suhlen durften, bis sie getötet wurden.
Ich bin auch zufrieden damit, dass meine Kinder vielfach meinen veggi-Fleischersatz lieber mögen, als das echte Fleisch. Trotzdem, dieser innerliche Konflikt ist viel weittragender und gibt mir bei so vielem ein schlechtes Gewissen.

Abbildungen glücklicher Tiere

In Spielzeugläden, Buchhandlungen und Fernsehsendungen stapeln sich Szenen von Bauernhöfe. Man kann sich viele grüne Weiden ansehen, mit glückliche Kühen, glücklichen Schafen, glücklichen Hühnern und so weiter. Es ist immer ein Hund auf dem Hof und vielleicht eine Hand voll Katzen. Aber macht man sich mal im realen Leben auf die Suche nach diesen glücklichen Kühen, sieht es schon wieder ganz anders aus. Unser Städtchen hat so etwas nicht. Echte Kühe kennt Töchterchen nur aus diversen Medien. Mit Mühe habe ich in unserer Umgebung eine kleine Koppel mit einem Pferd und einem Pony ausfindig gemacht; in einem Schrebergarten steht noch ein einzelnes Schaf. Aber ob das glücklich ist?
In keinem der Bücher, die mir untergekommen sind, wird auch nur ansatzweise erwähnt, dass die Tiere getötet werden, damit man sie essen kann. Häufig wissen die Kinder nichteinmal, dass sie tote Tiere essen. Nicht alle Eltern sind so ehrlich zu ihrem Nachwuchs, wie ich es bin. Dazu kommt, Töchterchen versteht das alles ohnehin noch nicht.

Bilderbücher von Massentierhaltungen will aber sicherlich niemand haben; selbst ich nicht. Es will auch niemand wissen, dass Kühe nur Milch geben, wenn sie ein Kalb gehabt haben – das auch getötet wird. Schließlich kann man das ja auch essen.

Da lobe ich mir zumindest die Bücher von Astrid Lindgren. Zu den Zeiten von Michel aus Lönneberger gab es zwar noch keine Massentierhaltung, aber Schlachten, die Wurst und alles, was man aus toten Tieren so machen kann, ist durchaus ein Thema. Und ich war zufrieden damit, dass Michel ein Herz für Tiere hat und sehr wütend wird, als sein Schwein geschlachtet werden soll.

Die Stofftierparade

Ein weiterer Konfliktpunkt sind diverse Stofftiere. Erst seit Töchterchen mache ich mir sogar darüber Gedanken. Söhnchen liebt zwar seine Stofftiere, aber er hat vornehmlich Hunde und Katzen. Ein sogenanntes Nutztier findet sich bei ihm nur selten.
Nun hat Töchterchen aber gleich zwei Stofftiere, an denen sie hängt, die in unserer Gesellschaft gegessen werden. Und da meldet sich wieder mein Gewissen. Wie kann ihr guten Gewissens eine Kuh als Stofftier besorgen, dass sie kuschelt, dass sie liebt und nicht mehr hergeben will, in dem Wissen, dass dieses Tier von ihr auch gegessen wird? Ist das nicht absurd? Aber: hätte ich ihr lieber ein Pferd besorgen sollen? Über Pferdefleisch wird sich schließlich tüchtig aufgeregt.

Es wird eine Zeit kommen, in der auch Töchterchen begreift, wie all das läuft. Und dann? Derzeit fürchtet sie jedes Mal, wenn eine unserer Katzen, unsere Jägerin, auf dem Balkon um Einlass miauzt. Sie könnte ja eine Maus oder einen Vogel dabei haben und davor scheint Töchterchen wirklich Angst zu haben.

Aber unserem Essen sieht man nicht an, was es einmal war. Andernfalls würde Söhnchen es nicht essen, soweit ist auch sein Gewissen ob seiner Tierliebe schon angewachsen.

Fazit

Was ich möchte, um ein wirklich gutes Gewissen zu haben, ist für mich als Mittelstands-Mutter einfach unerschwinglich. Wir sind jetzt finanziell mit unserem Haushaltsgeld schon hart an der Grenze, allein dadurch, dass ich nicht auf meine Bio-Obst und –Gemüse verzichten möchte. Fleisch-Ersatzprodukte tun ihr Übriges dazu.
Wollte ich nun, dass in meinem Haushalt wirklich nur noch Fleisch von „glücklichen“ Tieren gegessen würde, müsste ich wesentlich mehr arbeiten. Die Bezahlung einer Akademikerin im Öffentlichen Dienst reicht nicht aus, um alle Kosten zu decken. Dazu kommt, dass unser Konsum an Milchprodukten auch nicht gerade gering ist – diese besorgen wir jedoch in einem Discounter. Milch und Käse aus Massentierhaltung; das, was ich eigentlich nicht möchte. Und das sind nur die Tiere. An die Ausbeutung von Menschen darf ich dabei nicht einmal denken. Billiger Reis, Nudeln und all diese Dinge, für deren Herstellung Menschen leiden, dürfte ich auch nicht kaufen. Und das alles betrifft nicht nur die Nahrung.

In dieser Gesellschaft läuft grundlegend etwas schief, wenn ich bei jedem Einkauf ein schlechtes Gewissen haben muss. Wenn ich immer nur eine Auswahl treffen kann, wenn ich mich entscheiden muss, welches Produkt ich kaufe. Das ohne Massentierhaltung? Oder lieber mit Fair Trade? Warum kann ich nicht einfach alles fair kaufen? Fair für Menschen und Tiere, fair für die Umwelt und ohne Scheinheiligkeit meinen Kindern gegenüber? Wäre es nicht schön, meinem Sohn nicht erklären zu müssen, dass seine Kleidung von Kindern genäht wurde, die nicht in die Schule gehen dürfen? Wäre es nicht schön, Töchterchens nicht irgendwann eingestehen zu müssen, dass die wenigsten Kühe glücklich auf der Weide stehen, bevor sie gegessen werden; Kühe, wie ihre geliebte Stoffkuh?

Es wäre schön, aber es geht nicht. Irgendwo muss ich Abstriche machen. Ich kann nicht einfach gar nichts mehr essen oder auch noch selbst einen kleinen Bauernhof führen. Ich muss mich mit dem enragieren, was diese Gesellschaft vorgibt. Und dazu gehört ein permanentes schlechtes Gewissen.

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