Unser Leben ohne Auto

PICT0717_kleinFast ein ganzes Jahr hatten wir kein Auto. Wer mich kennt, würde sich über diese Aussage eigentlich nicht wundern; als Anhänger von schönen Ideen wie Foodsharing, Repair-Cafés und Upcycling und noch dazu führerscheinlos, war ich ohnehin schon immer von anderen Transportmitteln abhängig.
Dennoch macht das Auto es sehr bequem und mein Mann benutzte es doch gerne. Bis es den Geist aufgab.

Unfreiwillig Autofrei

Letztes Jahr im Sommer musste unser Auto – oder besser das Auto meines Mannes – zum TÜV. Wiedererwartend schaffte es diese Hürde noch einmal … und stand zwei Wochen späte doch wieder in der Werkstatt. Diagnose: Die Reparaturkosten für die durchgerostete Lichtmaschine hätten den Wert des Autos überstiegen.
Und da fing es an, unser Leben ohne eigenes Auto, denn das Geld für einen neuen Gebrauchten hatten wir einfach nicht. Doch es war für uns nicht ganz ein Sprung ins kalte Wasser. Uns war schon zuvor klar, dass das Auto nicht mehr lange fahrtüchtig gewesen wäre und schon öfter hatte ich mit meinem Mann darüber gesprochen. Ich wollte kein neues Auto haben. In meinen Augen war das Auto vor allem ein Geldfresser, der manches zwar bequemer machte, aber Kosten verursachte, auf die wir durchaus hätten verzichten können. Schon öfter hatten wir durchgesprochen, wie wir bestimmte Dinge erledigen konnten. Und dann war es soweit und wir waren gezwungen, nicht nur darüber zu sprechen, sondern es zu tun; und es klappte.

Die Grundpfeiler des Autofrei

Vor allem, was die alltäglichen Einkäufe anging waren wir bereits im Vorteil. Gemüse und Obst bekamen wir ohnehin schon von meinem geliebten Bio-Anbieter geliefert, Getränke konnten wir uns ebenso ins Haus bringen lassen. Der Samstagseinkauf für alles Weitere ließ sich mit dem Rad erledigen und auch zu unserem Sportzentrum kamen wir ganz bequem mit dem Bus. Das waren die Eckpunkte, die wir bereits überdacht hatten und die wir nun einsetzten.
Und es klappte. Für mein Befinden sogar wirklich gut. Dennoch lief ohne Auto nicht immer alles glatt.

Mit den Kindern gab es ebenfalls keine Probleme. Schon seit Sohnemann hier in den Kindergarten gehen konnte, sind wir den Weg zu Fuß oder mit dem Rad gefahren. Und so hielten wir es einfach weiter. Auch vorher waren wir fast die einzigen, die bei jedem Wetter einfach zur Schule liefen – es sind keine 15 Minuten, weswegen sollte man die auch mit dem Auto fahren? Während wir also gemächlich durch den Regen schlenderten, stiegen andere Kinder aus den Autos. Aber Sohnemann störte das nie.

Schwierigkeiten beim Autofrei

Auch, wenn man wie wir in einer Stadt mit einem guten Öffentlichen Verkehrssystem wohnt, gibt es doch immer wieder Dinge, die sich ohne Auto einfach schwierig gestalten. Darunter fallen diverse Ärzte, besonders, wenn man wie ich den Drang hat, nicht zu irgendeinem Arzt zu gehen, sondern zu einem guten.
Ein paar Beispiele? Gerne 🙂

Wir haben seiner Zeit lange gesucht, bis wir unsere jetzige Kinderärztin gefunden hatten. Leider ist die Praxis in einer Nachbarstadt, die von uns aus mit dem Bus eher schlecht zu erreichen ist. Außerdem: Mit einem kranken und vielleicht sogar noch fieberndem Kind Bus fahren ist nicht gerade Gesundheitsfördernd; weder für Eltern, noch für das Kind.

Einen Tierarzt hatten wir die ganze Zeit nicht in der Nähe. So haben wir auch da eine Tierklinik in „autonähe“ gesucht, gefunden – und hatten nun Probleme dort hin zu kommen.
Ähnlich verhält es sich noch mit meiner Gynäkologin und unserem Zahnarzt.

Dazu kommen solche Hürden wie Krankheiten. Das gemeinsame Einkaufengehen war eigentlich sehr angenehm, man konnte sich unterhalten und bis man nach zwei bis drei Stunden wieder zuhause war, hatte man auch das Gefühl, den Kindern etwas Gutes getan zu haben.
Leider war dieses gemeinsame Einkaufen eher eine Seltenheit. War ein erwachsener Krank, blieb er zuhause. War Töchterchen krank, musste ebenfalls jemand mit ihr zuhause bleiben. Und je nach Gefühlslage war es bei Sohnemann nicht anders.
Aber es ging irgendwie. Wir standen niemals mit völlig leerem Kühlschrank da. Manchmal ohne Schokolade, manchmal ohne Belag für das Brot, das ich auf dem Weg von der Arbeit nach hause wunderbar mitbringen kann und zur Not konnten wir immer noch Pfannkuchen machen. Aber ganz ohne Essbarem waren wir nie.

Aus einigen Schwierigkeiten ergaben sich aber auch sehr schöne Gelegenheiten. Dazu zählt nicht nur das Einkaufen, sondern auch unsere Trainigszeiten im Sportzentrum. Jeder hat andere Zeiten und manches Mal wäre es mit dem Auto leichter gewesen, diese auszunutzen. Dadurch musste einmal die Woche ich und einmal die Woche mein Mann mit beiden Kindern in die Stadt fahren und Sohnemann zum Training bringen, damit der andere Elternteil jeweils hinterher zu Training gehen konnte.
Aber eine Stunde mit Töchterchen in der Stadt ist wunderbar! Rolltreppe rauf, Fahrstuhl runter, Brezel essen, hier schauen, dort gucken; was gibt es schöneres, als Zeit mit einem Kind?

Carsharing & Co

Wer ohne Auto klar kommen muss, muss sich natürlich auch überlegen, woher ein Auto kommen kann, wenn man doch wirklich mal eines braucht. Gründe dafür gab es ja durchaus. Eine Recherche im Internet ergab allerdings, dass unsere Stadt leider doch etwas zu klein für viele – und vor allem spontan brauchbare – Carsharing-Angebote ist. Aber da war das Glück auf unserer Seite; das Glück einen Vater zu haben, dessen Firma von uns aus in Laufnähe liegt und bei dem meistens ein Auto zur Verfügung stand.
Auch anderweitige Verwandtschaft hätte uns natürlich ausgeholfen.

Die Bequemlichkeit des Autos

Vor einigen Wochen hat mein Mann es geschafft und ein erschwingliches Auto an Land gezogen. Tja, leider ist es seit dem vorbei. Wir fahren einkaufen, obwohl es anders geplant war. Mein Mann fährt Töchterchen zur Kindergruppe, obwohl es anders geplant war. Mein Mann fährt auch zum Training, obwohl es anders gedacht war.
Und ich? Ich stehe so da, wie zuvor auch. Ich kann nicht fahren und möchte es auch nicht. Gut, ich habe mein Fahrrad wieder für mich und ich bringe auch Sohnemann zusammen mit Töchterchen noch einmal die Woche mit dem Bus zum Training – Busfahren macht Töchterchen schließlich Spaß. Ich begleite Sohnemann auch noch regelmäßig zur Schule, egal bei welchem Wetter.
Dennoch: die Bequemlichkeit des Autos ist wieder da.

Ich war mit dem Leben ohne Auto zufrieden. Jetzt bin ich schon wieder an einem Punkt, an dem ich mich selbst mit der Bequemlichkeit eines Autos abfinde. Nein, ich mag keine Autos und ich werde sie niemals mögen. Aber manchmal – und doch viel zu oft – ist es bequemer mit dem Auto zu fahren.
Mir bleibt nur zu hoffen, dass ich meinen Kindern etwas meiner Einstellung mitgeben kann, wenn die Zeit kommt, in der sie selbst so weit sind, ein Auto fahren zu dürfen.

Interessante Links

http://www.autofrei.de/index.php
http://www.carsharing.de/
https://flinc.org/

http://einjahrohneauto.wordpress.com/
http://blog.zeit.de/fahrrad/2012/11/19/autofrei-auf-dem-land/

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s