Wortgewalten – oder: wie man mit seinem Kind nicht reden sollte

Neulich war ich mit Töchterchen auf dem Rad unterwegs. Töchterchen fährt gerne Rad, besonders dann, wenn sie mir sagen darf, wo wir hinfahren. An einer ungünstigen Kreuzung, wo die Vorfahrtsstraße abbiegt und es weder einen Zebrastreifen noch eine Fußgängerampel in unmittelbarer Nähe gibt, begegnete mir eine Frau mit ihrer Tochter. Das Mädchen war vielleicht drei oder vier Jahre alt und hatte ihr Laufrad dabei.
Auf der Vorfahrtsstraße war viel Verkehr und ich wartete geduldig auf eine Gelegenheit, die Straße schiebender Weise zu überqueren. Die andere Mutter war nicht so geduldig. Ich hörte neben mir ein „Schnell jetzt!“. Die andere Mutter hatte einen Augenblick gewählt, in dem sich die abbiegenden Autos gegenseitig ausbremsten, um auf die andere Seite zu gelangen. Mir war das zu heikel. Also wartete ich, aber keinen Moment später drang erneut die Stimme der anderen Mutter zu mir, jetzt von der anderen Straßenseite. „Bist du dumm!“, sagte sie ärgerlich. Ich schaute wieder hin. Das Mädchen hatte Schwierigkeiten, ihr Laufrad auf den Gehweg zu heben. Ob sie an dem hohen Bordstein hängen geblieben war oder in dem Gullideckel davor konnte ich nicht einordnen. Ich sah und hörte nur, dass das Mädchen begann zu weinen – und es tat mir so Leid.

Die falsche Wortwahl

„Du bist dumm.“, das ist ein Satz, der so niemals aus meinem Mund käme. Schon gar nicht auf meine Kinder bezogen. „Das war dumm“ ist eher meine Wortwahl. Es ist nur eine kleine Feinheit und doch ist die zweite Variante nicht derart beleidigend.
„Das war dumm“ kann sich auf alles Mögliche beziehen. Es kann etwas Gesagtes meinen, es kann eine Handlung beschreiben, aber es beschreibt nicht den Menschen selbst. Jemand kann etwas Dummes tun ohne selbst dumm zu sein. Oft beziehe ich diese Worte sogar auf etwas, das ich selbst getan habe, manchmal auch auf etwas, das Sohnemann oder unser Hund getan hat. Aber es beleidigt nicht und meistens lachen wir über die Dummheit.
Selbst, wenn ich wirklich sauer bin, beleidige ich meine Kinder niemals.

Aber wie sehr muss es schmerzen, wenn man von der eigenen Mutter als dumm bezeichnet wird? Besonders, wenn es nicht einmal die eigene Schuld gewesen war? Dann gibt es kein Lachen, dann gibt es nur Tränen; wie bei dem armen Mädchen.
Das Mädchen hatte keine Schuld, es war nur auf die Eile der Mutter eingegangen. Die Mutter hätte ihr mit dem Laufrad helfen müssen, hätte fragen müssen, ob sie es schafft, das Laufrad den Bordstein hochzustemmen.

Meinen eigenen Prinzipien zur Folge müsste ich nun sagen: „Es war dumm von der Mutter, ihre Tochter über die Straße zu hetzen. Es war dumm von der Mutter ihre Tochter zu beleidigen und für etwas zu tadeln, dass wirklich nicht ihre Schuld gewesen sein kann; dass sie bestimmt nicht absichtlich getan hat.“
Aber in diesem Fall würde ich der Mutter gerne an den Kopf werfen: „Du bist dumm! Du bist zu dumm deiner Tochter die Sicherheit zu geben, die sie benötigt! Du bist zu dumm um deiner Tochter zuliebe die Geduld zu haben, so lange zu warten, bis keine Autos mehr kommen und sie sicher über die Straße zu lotsen anstatt zur Eile anzutreiben!“ Ich frage mich, wie sie sich dann fühlen würde.

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