Die gefährliche Welt – oder: Wenn Selbstständigkeit im Keim erstickt wird

Im Leben aller Eltern gibt es Ereignisse, die sie ins Grübeln bringen; über die eigene Situation, die eigenen Kinder, die eigenen Erziehungsmethoden und so weiter. Im letzten Sommer passierte etwas, dass mich seit dem nicht mehr ganz losgelassen hat und mich seither doch immer mal wieder über die Selbstständigkeit meine Kinder nachdenken lässt.

Der freundliche Nachbar

Es war einer meiner Migränetage in den Sommerferien, die ich letztes Jahr leider viel zu oft hatte. Kopfschmerzen, Übelkeit und Lichtempfindlichkeit waren zwar vorbei, doch es war „der Tag danach“, an dem ich mich die durchgekaut und ausgespien fühle. Entsprechend hatte ich keine Kraft mit den Kindern rauszugehen. Genauso wenig, wie mit dem Hund. Die Kinder konnte ich immerhin in den Garten schicken, unser alter Hund jedoch wollte wenigstens einmal am Tag ein bisschen spazieren gehen.
Also bat ich meinen Sohnemann, mit dem Tier wenigstens eine Runde zu drehen. Töchterchen, zu dem Zeitpunkt zweieinhalb, wollte ebenfalls mitgehen. In völligem Selbstbewusstsein, sagte Sohnemann, sie könne mitkommen und er würde das schon schaffen – ich muss dazu sagen: wenn Sohnemann sich etwas zutraut, ohne, dass ich ihn dazu drängen muss, kann ich davon ausgehen, dass er es auch wirklich kann. Andernfalls würde er es mir sagen.

Nun waren Kinder und Hund vielleicht 20 Minuten weg und hüpften schon wieder im Garten herum, als es klingelte. Am Tor stand ein „freundlicher“ Nachbar, der es darauf angelegt hatte, mir die Leviten zu lesen. Ich könne doch meinen Achtjährigen nicht einfach mit Hund und einem Kleinkind hinausschicken! Das sei eine Verletzung meiner Aufsichtspflicht! Sohnemann sei noch gar nicht in der Lage, auf seine Schwester aufzupassen und den Hund dürfe er sicherlich auch noch nicht führen. Sähe er das noch einmal, würde er das Jugendamt informieren.

Davon war ich nun etwas überrumpelt und den Rest des Tages sehr aufgewühlt. Besagter Nachbar war zwar nicht unfreundlich gewesen, aber deutlich und wenn mir etwas Angst macht, dann ein System, das mir meine Kinder wegnehmen könnte.

Es war das letzte Mal, dass ich Sohnemann seine Schwester auf einen Spaziergang mitnehmen ließ.

Anekdote meiner Mutter

Als ich diese Geschichte meiner Mutter erzählte, erzählte sie mir auch eine.

Sie erinnert sich an eine Begebenheit, als sie vielleicht sieben Jahre alt war. Sie musste schon in dem Alter auf ihre beiden dreijährigen Geschwister aufpassen und sie seien den ganzen Tag draußen gewesen. Während sie mit den Gleichaltrigen spielte, habe sie zwar oft daran gedacht, dass sie auch auf ihre Geschwister achten müsse, habe den Gedanken aber nicht immer in die Tat umgesetzt. Irgendwann war ihr Bruder dann verschwunden.
Als sie fix und fertig mit ihrer Schwester nachhause kam, bekam sie natürlich Schelte. Aber kein Erwachsener sei mitgegangen, um ihren Bruder zu suchen. Im Gegenteil, sie musste es selbst machen und zusätzlich ihre Schwester ebenfalls mitnehmen. Die dürfte auch nicht zuhause bleiben.
Zum Glück fand meine Mutter ihren Bruder wieder. Sie vermutet, er sei einfach einer Gruppe älterer Kinder hinterhergelaufen und habe nicht mithalten können. Als sie ihn fand, lag er schlafend in einem Graben.

Gefährliche Welt oder Wandel der Elternschaft?

Wenn man sich die Geschichten anschaut, stehen dahinter zwei völlig verschiedene Mentalitäten. Die Kinder waren von Anfang an dazu angehalten, selbstständig zu sein, ob sie es wollten oder nicht. 50 Jahre sind seit dem vergangen und die Gesellschaft hat sich gewandelt. Während früher die Kinder einfach nur nach draußen geschickt wurden und sich selbst beschäftigen mussten, werden viele heute stattdessen in irgendwelche Förderkurse gesteckt, die sie nicht brauchen oder wollen, oder dürfen in der dritten Klasse immer noch nicht alleine zur Schule gehen. Für Beides kenne ich leider Beispiele.
Sicherlich, man ist als Elternteil verpflichtet, auf seine Kinder zu achten und dafür zu sorgen, dass es ihnen gut geht. Ich weiß auch, dass die Auslegungen für so etwas sehr weit gedehnt werden kann. Da gibt es die sogenannten Helikoptereltern, die ihre Kinder immer im Auge haben müssen und jeden Keim an Selbstständigkeit zu ersticken scheinen und es gibt jene, die das noch viel lascher sehen, als ich – oder es einfach nicht anders können, weil 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche vier kleine Jungen um sie herumspringen und beschäftigt werden wollen.

Immer wieder scheinen Kinder fasziniert davon zu sein, dass ich auf sie reagiere, wenn sie mich ansprechen. So erfahre ich manches Mal auch ihre Sicht der Dinge und habe bereits Geschichten gehört, bei denen ich dachte „das arme Kind“. Aber wer bin ich, über Eltern zu urteilen, die ich nichteinmal kenne? Sicherlich würden einige genauso denken, wenn sie wüssten, dass ich Sohnemann mit fünf Jahren bereits alleine auf den Spielplatz habe gehen lassen. Aber ich kenne meine Kinder, ich weiß, was ich ihnen zutrauen kann und was nicht. Und ich denke – oder hoffe vielleicht mehr – dass andere Eltern das genauso gut einschätzen können wie ich. Die Welt ist nicht gefährlicher geworden, sie ist voller geworden. Es gibt mehr Autos, mehr Dreck, mehr Lärm, mehr Menschen in den Städten und dadurch leider auch mehr Verrückte an einem Fleck. Aber hier in Deutschland, in einer mittelgroßen Stadt, ist das Leben nun einmal so. Und damit müssen meine Kinder umgehen lernen, denn hier leben wir. Dafür haben wir Regeln; allgemeine, wie die Verkehrsregeln und eigene, die meinen Kindern sagen, was sie machen sollen, wenn sie zum Beispiel von Fremden angesprochen werden.
Sohnemann ist sensibel genug, dass er weiß, diese Regeln sind nur zu seiner eigenen Sicherheit gedacht. Er weiß, wenn er mich fragt, gibt es nicht kategorisch ein Nein. Wenn es eines gibt, dann immer mit Begründung. Andersherum darf er mir aber auch sagen, warum er etwas machen möchte und mich umstimmen. Ich vertraue ihm schließlich.

Töchterchen ist übrigens auch gerade in einer Phase, in der sie Selbstständigkeit zeigt. Leider geht das oft mit einem Dickkopf, Tränen oder Schmollen einher, wenn sie nicht ihren Willen bekommt. Doch habe ich die Zeit, darf sie die Schuhe alleine anziehen – auch falschherum. Sie darf beim kochen helfen und den Hund an die Leine nehmen.
Auch da muss man sich als Eltern jedoch sensibilisieren. Manchmal ist es schon ein Drama, wenn ich den Klettverschluss öffne und den Schuh wegstelle, anstatt sie das selbst machen zu lassen. Denn, wenn sie hilfe braucht, sagt sie es.

Fazit

Wenn ich darüber nachdenke, stoße ich doch immer wieder auf Situationen, in denen Sohnemann von anderen Menschen, Behörden und so weiter in die Schranken gewiesen wird, obgleich wir beide wissen: er kann es. Der neueste Fall ist, dass er nicht alleine mit dem Rad zur Schule fahren darf, da er noch keine Prüfung abgelegt hat. Sicherlich hätten auch diverse Leute aufgeschrienen, wenn sie gewusst hätten, dass Sohnemann schon mit fünf alleine auf die Spielplätze in der Umgebung gehen dufte. Er hatte es sich zugetraut, also durfte er, denn ich war dank meiner zweiten Schwangerschaft oft nicht dazu in der Lage ihn zu begleiten. Und wir haben dafür Regeln aufgestellt, die er befolgen sollte und soweit mir bekannt ist, auch befolg hat.

Vermutlich wird es uns auch noch öfter treffen, dass meine Kinder nicht tun dürfen, was sie können – auch wenn ich bei Töchterchen anders Maß nehmen muss. Sie ist sich nicht immer so sicher, wie Sohnemann. Letzterer versteht es aber immerhin. Er findet es nicht gut, aber er versteht es. Ich hoffe inständig, dass Töchterchen es ebenso einsehen wird, wenn ich ihr Dinge verbieten muss, die sie eigentlich kann.

Besonders eines halte ich in der Erziehung nun einmal für sehr wichtig: Man muss seinen Kindern auch Vertrauen schenken und sie Dinge tun lassen, die sie machen wollen, auch wenn man selbst Zweifel hat, ob das klappt. Denn das fördert die Selbstständigkeit und diese ist im späteren Leben sehr hilfreich.

Links

Eltern.de: Der lange Weg zur Selbstständigkeit

kizz – Das Elternmagazin für die Kitazeit: Ich kann das schon alleine – Selbstständigkeit bei Kindern

kinder.de: Die Entwicklung des Kindes im 3. Lebensjahr – Entwicklung zur Selbständigkeit

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3 Kommentare zu “Die gefährliche Welt – oder: Wenn Selbstständigkeit im Keim erstickt wird

  1. Ja, es ist eine Gratwanderung, wobei das Loslassen, Kinder Dinge erfahren zu lassen, selbst wenn man weiß, dass es eine negative Erfahrung sein wird, schon schwer fällt. Das ist aber wichtig meiner Meinung nach.

    • Ja, das denke ich auch. Aus Fehlern lernt man und manchmal muss man sie auch selbst machen, statt nur erzählt bekommen. Gut, dass es bei kleinen Kindern wie meinen auch nur kleine Fehler sind 😉

  2. Pingback: Intuition vs. Verstand – oder: warum meine Kinder und ich ein Team sind | moechtegernsbabytagebuch

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