Über Leichen in die Bibliothek – oder: Beitrag zur Blogparade „Was mache ich eigentlich beruflich?“ #workingblogger

Da stolpert man über eine interessante Blogparade mit einem Thema, zu dem man ohnehin schon mal etwas schreiben wollte und hat dann sogar noch zwei Wochen Zeit, selbst einen Artikel zu verfassen. Zwei Wochen heißt bei mir etwas 4 bis 5 Stunden verteilt auf zwei Wochenenden. Viel mehr Zeit für meine Blogs bleibt mir einfach nicht.
Und genau darum geht es auch in der Blogparade: »Was mache ich eigentlich beruflich?« von Großstadtküste (#workingblogger). Denn, wenn ich etwas schon öfter erwähnt habe, dann dass ich berufstätig bin.

Familie, Beruf und Hobby – all diese Dinge muss ich unter einen Hut bekommen. Leider wird es einem dabei oft nicht ganz einfach gemacht. Ich bin Pendlerin und habe noch dazu nur einen Führerschein für mein Fahrrad, nicht aber für irgendetwas, dass einen richtigen Motor hätte. Die größte Tageshürde ist derzeit der Kindergarten, der leider im falschen Stadtteil liegt.
Nachdem ich also zwischen 5:30 bis etwas 8:30 erst einmal alles erledige, was ich so zu erledigen habe (das umfasst mich fertig machen, schreiben, den Hundespaziergang, die Kinder fertig machen und wegbringen), schlage ich dann täglich gegen 9:30 endlich auf der Arbeit auf. In »meiner« Bibliothek nämlich. Ja, ihr lest richtg: Ich bin Bibliothekarin.

Und wie kommt man zu sowas?

Meine Antwort darauf ist: Berufsberatung. Nach meinem Abitur stand nur fest, dass ich etwas mit Büchern studieren wollte. Da gab es nur zwei Möglichkeiten. Das eine war ein Studium in Bibliotheks- und Informationswissenschaften das andere war ein Kunststudium für Buchkunst. Da ich trotz einem Leistungskurs in Kunst einfach nicht gut genug war, habe ich dann einfach das andere gemacht.
Schon im Studium habe ich mich gerne mit Webdesign beschäftigt. Das traf meine künstlerische Ader und vor allem auch meinen Hang zum Perfektionismus. Schon pixelkleine Verschiebungen stechen mir ins Auge und sind im Code so einfach zu beheben! Leider saß ich, mit meinem Diplom in der Hand, nach dem Abschluss trotzdem erst einmal auf der Straße, völlig ohne Job. Und was macht Frau dann, wenn sie es nicht leiden kann, gar nichts zu tun? Genau: Sich bewerben. Neben den üblichen Bewerbungen im Bibliothekswesen hatte ich aber noch die grandiose Idee, mich auch für ein Zweitstudium zu bewerben. Dumm herumsitzen liegt mir nicht. Ich wollte also etwas Sinnvolles machen und mich gleichzeitig bewerben. Ein halbes Jahr hing ich rum ohne, dass meine Bewerbungen einen Erfolg gebracht hätten – zumindest nicht die als Bibliothekarin. Aber eine Uni nahm mich mit offenen Armen zwei Wochen vor Semesterbeginn in meinem Wahlstudiengang Humanmedizin auf.

Die Leichen sezierenende Bibliothekarin

Zur Erklärung für alle, die sich nun wundern: Ich habe eine medizinische Vorprägung. Ich bin Ärztinnentochter und habe somit auch schon immer einen Hang zur Medizin gehabt. Es war also nicht ganz so abwegig Medizin zu studieren, wie es im ersten Moment klingt.
Zwei Wochen waren nun aber nicht viel Zeit, um umzuziehen. Ein Glück nur, dass mich gerade die Uni aufgenommen hatte, die in erreichbarer Nähe zu meinen Eltern liegt. Mein Mann war zur gleichen Zeit mit seiner ersten Ausbildung fertig und so schafften wir es wirklich innerhalb dieser zwei Wochen vor Studienbeginn in eine Wohnung zu ziehen, die ungenutzt im Haus meines Vaters zur Verfügung stand. Und dann begann das erste Mal in meinem Leben richtig Stress. Das Medizinstudium war Stress pur. Ich paukte zum zweiten Mal in meinem Leben sämtliche Naturwissenschaften durch und die Anatomie des Menschen. Ohne den Anatomiekurs hätte ich wahrscheinlich noch weniger als nicht ganz zwei Semester durchgehalten. Doch da ich dabei meinen ursprünglichen Plan, mich während des Studiums weiterzubewerben, nicht durchhalten konnte und auch nicht ernsthaft vor hatte, Ärztin zu werden, sondern viel mehr darüber in einer medizinischen Bibliothek hatte Fuß fassen wollen, gab ich das Studium auf und landete in meinem ersten Minijob.

Führerscheinlos in der Autowerkstatt

Letztlich fand ich mich, dank meines Vaters, in dem Büro seiner Werkstatt wieder. Es war die Zeit meiner ersten Schwangerschaft und er brauchte dringend eine Bürokraft; jemanden, der mitdenken konnte und der sich seine Arbeit am besten auch noch selbst suchte.
Und das tat ich. Ich bastelte an der Werkstatthomepage und baute mein Wissen im Webdesign aus. Nachdem mein Sohnemann auf der Welt war und ich mich von der Geburt erholt hatte, begann ich auch wieder, mich zu bewerben.

Endlich in der Bibliothek

Nach mehreren Bewerbungsanläufen landete ich schließlich in »meiner« Bibliothek. Der Zufall wollte es, dass auch diese ohne Umzug für mich erreichbar war. Die simple Tatsache, dass ich autodidaktisch arbeitete und mir einfach selbst die nötigen Kenntnisse im Webdesign erworben hatte, qualifizierte mich für den Job, den ich heute noch mache.
Leider hat sich meine Vorgabe »etwas mit Büchern« zu machen in meinem Beruf nicht gänzlich erfüllt. Ich habe nämlich für gewöhnlich keine Bücher in der Hand, sondern sitze am PC und programmiere mit Javascript, schreibe News oder Anleitungen und gestalte diverse Kleinigkeiten. Systembibliothekar nennt sich so etwas heute. Und nein, ich hätte mir zu Schulzeiten niemals träumen lassen, dass ich einmal programmieren würde. Auch nicht während meines Studiums. Aber mir gefällt es.

Und wie ist das mit der Vereinbarkeit?

Tja, was meinen Beruf angeht, hatte ich bis letzten September zum Glück wenig Probleme mit der Vereinbarkeit. Der einfache Grund dafür hieß: Hausmann.
Nachdem ich das Medizinstudium aufgegeben hatte, hing es nur noch davon ab, wer zuerst einen Job findet, um zu entscheiden, wer bei Sohnemann zuhause blieb. Ich fand zuerst den Job – und mein Mann hatte fortan all die Probleme, die man als Elternteil hat, wenn man ein Kind zuhause hat und vielleicht doch irgendwo einen Fuß in die Tür der Arbeitswelt bekommen will. Außerdem hatte mein Mann schlicht die falsche Ausbildung gemacht und wenig Motivation in seinem Beruf letztlich auch zu arbeiten. Mir fiel also die Ernährerolle zu. Und ich kann nur sagen: Ich hasse sie! Sein eigenes Geld zu verdienen ist eine Sache. Es fühlt sich auch gut an. Aber alleine das Geld zu verdienen und abwägen zu müssen, wie viele Stunden ich unbedingt arbeiten muss, um unseren Lebensstandard aufrechtzuhalten und dabei aber trotzdem noch genug Zeit für die Kinder zu haben, ist nochmal etwas anderes. Denn auch wenn ich gerne arbeite, meine Kinder sind mir einfach wichtiger. Als Hausfrau würde ich mich allerdings sicherlich auch nicht wohl fühlen. Ich brauche einfach ein gutes Mittelmaß.

Dass es hier läuft, hängt jedoch auch mit großem Glück in vielen Dingen zusammen. Von der Wohnung über verständnisvolle Chefs und Kollegen, bis hin zu meinen Verwandten, die uns immer so wunderbar unterstützt haben. Ohne all das wäre ich wahrscheinlich schon lange am Boden zwischen all dem, was ich will und was ich muss. Denn die Unterstützung von Seiten des Staates hält sich jetzt, wo mein Mann eine zweite Ausbildung macht, leider in Grenzen. Zwar bekommt er einen Bildungsgutschein, doch dieser deckt vielleicht gerade Mal die Hälfte der Kosten. Trotzdem ginge es ohne diesen gar nicht, denn die ersten zwei Jahre als angehender Erzieher verdient mein Mann nichts, kann aber nicht wie vorher die ganze Zeit für die Kinder da sein. Die müssen in der Nachmittagsbetreuung untergebracht werden und die gibt es ja bekanntlich nicht umsonst.

Das größte Problem: Der falsche Kindergarten

Töchterchen ist nicht in unserem Wunschkindergarten gelandet. Stattdessen geht sie im Nachbarstadtteil in den Kindergarten. Nun habe ich ja bereits schon geschildert, dass ich nicht Auto fahre. Bis letzten September hat es mir nichts ausgemacht. Bis selbst ich Autohasserin begriff, für wie selbstverständlich es gilt, ein Auto zu haben, selbst in einer doch recht großen Stadt wie unserer mit eigentlich guten Verkehrsanbindungen.
Aber die Verkehrsanbindungen sind nicht gut genug. Eine halbe Stunde brauche ich morgens, bis ich Töchterchen im Kindergarten abliefern kann. Da macht es wenig Unterschied, ob wir mit dem Bus fahren oder mit dem Rad. Als Pendlerin muss ich dann rennen, um am Bahnhof meinen Zug zu bekommen. Und das ist noch weit einfacher, als die Situation, wenn ich Töchterchen abholen muss. Denn ja, auch mein Mann muss in die entgegengesetzte Richtung. Nun ist es aber leider nicht so einfach, von unserem Hauptbahnhof oder von der Schule meines Mannes mit den öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Rad pünktlich am Kindergarten zu sein. Nicht, wenn man bedenkt, dass weder ich – und trotz all der Flexibilität, die ich glücklicherweise in meinem Job habe – einfach weniger arbeiten kann, als ich wöchentlich muss, noch mein Mann seinen Unterricht versäumen sollte. Eine Verlängerung der Kindergartenzeit können wir uns allerdings nicht leisten. Wir werden schon ein Problem bekommen, wenn die Betreuungskosten im nächsten Jahr, wie angekündigt, steigen werden.
Für einen Kindergartenwechsel haben wir bisher jedoch eine Abfuhr erhalten. Dabei wäre unser Wunschkindergarten sogar von der Verkehrsanbindung ideal. Aber es zählt eben nur, dass all das möglich wäre, hätten wir ein Auto. Und so steht mittlerweile auch wieder eines vor der Wohnung auf der Straße – und selbst ich muss zugeben, dass ein Auto entlasten ist.

Und wo bleiben da die Kinder?

Tja, das frage ich mich in der letzten Zeit oft. Ich habe doch nicht zwei Kinder in die Welt gesetzt, um am Ende kaum noch etwas mit ihnen zu tun zuhaben?
Unser Tagesablauf hat sich im letzten Jahr radikal geändert. Ich kochte unter der Woche nicht mehr abends. Die Kinder Essen in der Betreuung warm, dann brauche ich mir nicht mehr Mühe machen, als Abends noch Brote zu schmieren und Obst zu schneiden. Kleinigkeiten für mich sind schnell zubereitet. Wir essen also noch zusammen und dann ist der Tag quasi auch schon gelaufen. Ich bin abends einfach nur noch fertig und meinem Mann geht es nicht besser. Alles, was ich mit meinen Kindern mache, verlagert sich auf das Wochenende; einen Tag, an dem ich mir die Kinder schnappe und einfach irgendetwas mit ihnen unternehme und wenn es nur ein langer Spielplatzausflug ist.
Irgendwie zwischendurch wird dann auch noch ein ganz klein wenig Hausarbeit erledigt.

Fällt noch irgendwem auf, dass an diesem Konzept irgendwas nicht so ganz stimmen kann? Die große Frage, die ich mir da stelle, ist: geht das nur uns so? Sind nur wir so unfähig, den ganzen Alltag zu meistern? Geht es nur uns so, dass keiner von uns am Ende mehr die Energie hat, mit den Kindern zu reden oder auch nur zuzuhören, was sie zu sagen haben? Geht es nur uns so, dass die ganze Woche einfach nicht genug Zeit ist, sich wirklich mit den Kindern zu beschäftigen?

Der Wunschtraum Autorin

Es gibt in all dem Tagesstress noch eine kleine Zeitspanne, die mir so wichtig ist, dass ich versuche sie im (fast) jeden Preis zu halten. Mein Name Möchtegernautorin kommt nicht von irgendetwas. Ich habe so viele Hobbys zwischenzeitlich aufgegeben, doch das Schreiben hat sich gehalten. Es war sogar so wichtig, dass ich während meiner Schwangerschaft mit Sohnemann beschloss, es wirklich ernst zu nehmen und zu lernen. Denn dieses Hobby, dass ich im Moment wirklich in den geringsten Zeitfenstern ausübe, die ich mir im Laufe des Tages schaffen kann, ist das, was ich eigentlich wirklich will. Ich will schreiben! Ich will mein Buch in der Buchhandlung stehen sehen! Oder besser noch meine Bücher?
Dreißig Minuten habe ich dazu täglich. Dreißig Minuten am frühen Morgen, in denen ich versuche, mir etwas aufzubauen, dass veröffentlichungswürdig ist und das ich an einen Verlag schicken kann. Ich mache mir nicht die Illusion davon leben zu können. Ich weiß, dass ich auch weiterhin werde arbeiten gehen müssen; dass ich weiterhin arbeiten gehen möchte! Aber mein erklärtes Ziel ist es, etwas in einem guten Verlag zu veröffentlichen.

Und ganz vielleicht klappt es ja doch. Vielleicht werde ich ja doch Bestsellerautorin und kann mir ein kleines Schreibbüro leisten, in der Nähe von Töchterchens zukünftiger Schule. Dann wäre ich so flexibel, wie man nur sein kann, könnt schreiben so viel ich will und hätte all die Zeit, die ich wirklich haben will für meine Kinder. Wäre das nicht toll?

 

Zuletzt

Ja, das bin also ich: Vollzeitmutter, Teilzeitbibliothekarin und Möchtegernautorin 🙂 Dies sind die drei wichtigsten Eckpfeiler meines Lebens und meines Alltags – und fragt bloß nicht, wo ich da noch das Stricken unterbringe.

 

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3 Kommentare zu “Über Leichen in die Bibliothek – oder: Beitrag zur Blogparade „Was mache ich eigentlich beruflich?“ #workingblogger

  1. faszinierend…..als allererstes solltest du ein Buch ueber dein Leben schreiben……ich habe es verschlungen.LG Ann

    • Oh, vielen Dank für das Lob! Aber ich fürche, mein Leben gibt nicht viel mehr her, als eben diesen Blogtext 😉 Im Gegensatz zu vielen anderen hatte ich es immer einfach; oft durch Glück oder wegen meiner unschätzbar tollen Verwandschaft. Alles in allem ist mein Leben zu glatt, als dass ich es in einem vernünftigen Roman verwursteln könnte.

      • Gerade Du müsstest doch wissen, dass viele Bestseller nicht wirklich viel Inhalt hatten 😉 Ich finde Dein Leben so interessant, es gerne zu lesen…das ist die Wahrheit…allein, wie Du Deinen Weg gefunden hast….ich finde das toll!! Liebe Grüße, Ann PS: So einfach direkt war Dein Weg nicht 😉

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