Gedanken zum Schulsystem

Mit dem Ende der Sommerferien begann hier alles neu. Töchterchen durfte endlich den Kindergarten wechseln, Sohnemann besucht nun eine weiterführende Schule und der Mann hat erstmal reguläre Arbeit in einer Kindertagesstätte.
So weit so gut, es läuft. Und doch gibt es da eine Sache, die schwer im Magen liegt: Sohnemann passt nicht in das gängige Schulsystem.

 

Das Frühchendasein

Sohnemann kam zwei Monate zu früh. Schon damals wurde uns gesagt, er würde noch Schwierigkeiten deswegen bekommen, doch er entwickelte sich normal. Es gab keine Komplikationen, er war nur lange Zeit kleiner und schmaler als andere Kinder seines Alters. Ansonsten lag seine Entwicklung von all dem, was in den U-Untersuchungen getestet wird, völlig in der Norm.
Probleme entstanden erst, als er in die Schule kam. Er hat Schwierigkeiten sich zu konzentrieren, lässt sich leicht ablenken und braucht Ruhe, um Dinge zu begreifen. Auch seine Feinmotorik ist nicht die Beste, weswegen ihm alles Schriftliche schwerfällt.

 

Vorpubertät

So langsam bahnt sich die Pubertät ihre Wege und das merkt man Sohnemann an. Mädchen interessieren ihn zwar noch nicht, aber emotional wird er immer empfindlicher. Besonders, was die Schule angeht. Sobald er etwas nicht schafft, verliert er nicht nur die Lust, sonder beginnt zu zweifeln. „Ich bin der dümmste Junge der Schule!“, schallt es dann aus dem Zimmer.
Das ist er natürlich nicht. Im Gegenteil. Ich sehe einen sensiblen und sehr intelligenten Jungen. Mit dem Verständnis des Schulstoffs hatte er bisher noch nie Probleme. Allein die Methode, wie er es lernen soll, ist die Hürde. Eine sehr Große sogar. All die Eindrücke in einem normalen Klassenraum sorgen dafür, dass er Erklärungen im Unterricht nicht folgen kann. Besonders dann, wenn es ihn Nichtmal interessiert.

 

Schulkonzepte

Das Schulkonzept unserer Grundschule sieht vor, dass die Kinder erst ab der dritten Klasse Noten bekommen. Doch seid es Noten gibt, sackt Sohnemann immer weiter ein. Schlechte Noten bedeuten, er sei dumm, so wurde das von so manchen Lehrern kommuniziert. Der nette Referendar, der sich in Mathematik sehr bemühte und bei dem Sohnemann der Unterricht sehr viel Spaß gemacht hatte, wurde leider ausgebremst. Es gab Beschwerden. Solche Ereignisse hängen Sohnemann nach. Noch immer sagt er, ihm hätte Mathematik mit besagtem angehenden Lehrer sehr viel Spaß gemacht. Mittlerweile ist das fast zwei Jahre her und Mathe ist sein Hassfach geworden.
Der Druck in der vierten Klasse wurde immer größer. Immerhin stand dann ein Schulwechsel an und die Noten sollten entscheiden, auf welche Schule er wechseln konnte. Leider sind solche Jungen wie Sohnemann gerne das Ziel von Rabauken. Die gibt es zwar auf jeder Schule, aber Unterforderung in Kombination mit Mobbing war uns allen eine Horrorvorstellung.
Sohnemann wusste, wie wichtig die Noten bei der Wahl der weiterführenden Schule war und verzweifelte fast daran, dass all seine Bemühungen scheiterten und er sich selbst im Weg stand. Noten wurden zum Graus. Noten waren das schlimmste an der Schule und jedes Mal machte er sich fertig, weil er eine schlechte Note erwartete. Dabei bekommt er, anders als diverse seiner Freunde, keinen Ärger wegen schlechter Noten von uns. Wir versuchen viel mehr, ihn zu unterstützen.

Für seine weiterführende Schule haben wir in Absprache mit seiner (nun ehemaligen) Klassenlehrerin die beste Wahl getroffen, die uns möglich war: Eine integrierte Gesamtschule. Das Konzept ist etwas offener, alle Schüler aus Haupt-, Real- und Gymnasialstufe sind in einer Klasse in den Grundfächern zusammen und werden in den grundlegenden Fächern wie Sprachen, Naturwissenschaften und so weiter in Kurse aufgeteilt – je nachdem, welche Noten sie in den Fächern haben. Doch es ist nicht so starr, wie das dreigeteilte Schulsystem allgemein.
Dennoch geht es auch dabei wieder um Noten.

 

Erwartungshaltung und Leistungsdruck

Ein sensibles Kind geht leider allzu oft unter. Ich für meinen Teil versuche Sohnemann das Gefühl zu geben, dass er bleiben kann, wie er ist; verträumt, sensibel, kreativ und sogar nachdenklich. Das schwierigste an dieser Kombination für ihn ist, irgendwie mit einem System zurechtzukommen, in dem auch als „normal“ geltende Kinder oft schon Probleme haben. Noch hat er erst ein paar Wochen auf der neuen Schule hinter sich. Noch wurden keine Arbeiten geschreiben und noch bekam er keine Noten. Es bleibt abzuwarten, ob es auf der Gesamtschule besser läuft, als bisher in der Grundschule.
Unsere Erwartung jedenfalls ist: Er soll seinen Weg finden. Da sind sich der Mann und ich einig. Sohnemann ist ein intelligentes Kerlchen. Er hat eine sehr gute Auffassungsgabe und denkt sich auch phantasievoll alles Mögliche aus. Er ist sozial eingestellt, hält sich an Regeln und ist doch zumindest in seiner Arbeitsweise eine Art Einzelgänger, weil er die Ruhe dafür benötigt. Und sobald er sich für etwas interessiert, ist er auch mit viel Spaß dabei.

Leider ist es aber nicht das, was diese Gesellschaft fordert. Diese Gesellschaft macht Druck. Diese Gesellschaft misst Leistung in Noten und Zeugnissen, anstatt an dem, was ein Kind leisten könnte, ließe man es seinen Interessen folgen. Und alles, was wir dabei tun können, ist dafür zu sorgen, dass unser Sohn nicht an dem Druck einer Leistungsgesellschaft zerbricht.

 

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