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Die Auto-Kolonnen-Blockade – oder: ein Schulweg ohne Autos?

Es wird Frühling. Nach den eisigen morgenden, werden die Tage wieder Wärmer und trockener und meine Kinder freuen sich darauf, wieder Radfahren zu können. Klar, dachte ich bei mir, Töchterchen mit dem Fahrrad zum Kindergarten bringen ist schöner, als mit dem Bus zu fahren. Sohnemann hatte sich vom Winter ohnehin nur selten davon abhalten lassen, mit dem Rad oder seinem Roller zur Schule zu fahren. Aber für Töchterchen war es zu kühl – zumal ihr Weg ungleich länger ist, als Sohnemanns.

 

Horden von Autos

Mit großer Freude setzte sich Töchterchen an dem Morgen auf das Fahrrad, als ich endlich zustimmte, mit dem Rad zum Kindergarten zu fahren. Am ersten Tag waren wir spät dran, doch am Tag darauf dachte ich, mich tritt ein Pferd. Wir waren äußerst früh unterwegs. Unser Weg führt an einer stark befahrenen Straße entlang, an der mehreren Schulen ihre Zufahrt haben. Und die Autos standen Schanlge, um zu den Schulen einbiegen zu können.
Töchterchen fuhr langsamer auf dem Radweg. Ihr waren die ganzen Autos sichtlich nicht geheuer. Doch sie verließ sich auf mein Wort, wir hätten vorfahrt. Die meisten Autofahrer beherzigen das zum Glück auch, besonders, wenn sie ein kleines Kind auf einem Fahrrad sehen. Dann nehmen sie Rücksicht. Aber was ist mit den Größeren?

Diese Frage stellte ich mir ein paar Tage später ein weiteres Mal. Der Mann brachte Töchterchen in den Kindergarten und ich konnte Sohnemann zu Schule begleiteten – ebenfalls mit dem Fahrrad. Es ist für mich praktisch, denn die Schule liegt auf dem Weg zum Bahnhof. Doch auch da stauten sich die Autos. Um die ganze Schule herum drängte sich Auto um Auto, in allen Größen und allen Farben.
Käme Sohnemann nicht jeden Morgen von der Seite, an der keine Einfahrt für Autos ist, hätte sogar ich darüber nachgedacht, ihm zu verbieten mit dem Rad zu fahren. Sicherlich, Sohnemann hat seine Prüfung abgelegt und auch bestanden. Aber Kinder sind für gewöhnlich trotzdem nicht unbedingt verkehrssicher; da hapert es ja schließlich auch bei so manchem Erwachsenen. Doch diese Kolonnen von Autos, die alle unbedingt ein einziges Kind abladen müssen, um dann mühevoll in der Sackgasse hinter der Schule zu drehen und sich wieder raus zu schlängeln, ist für Kinder sicher alles andere als eine Motivation vielleicht selbstständig mit dem Rad zur Schule zu kommen.

 

Die Unsicherheiten des Schulweges

Ein gängiges Argument für Eltern, ihre Kinder mit dem Auto zu bringen ist der „unsichere Schulweg“. Gut, da habe ich durchaus Verständnis. Sohnemanns Schulweg könnte auch sicherer sein, denn er muss genau an jeder stark befahrenen Straße über die Ampel, an der ich mit Töchterchen zum Kindergarten entlangfahren muss. Trotzdem ist es doch wohl keine Lösung, stattdessen selbst mit dem Auto hinzufahren. Im Gegenteil: dadurch ist ein Auto mehr in der Blockade.
Ich verstehe auch das Argument, dass man ohnehin auf dem Weg zur Arbeit an der Schule vorbeifährt und das Kind dort absetzen kann. Aber wozu muss man es dann bis vor die Tür fahren? Mal ehrlich, ist es denn so schwer, es an der Kreuzung vorher einfach rauszulassen, dass es das letzte Stück laufen kann? Oder ist auch das zu gefährlich, weil da ja eine ganze Meute von Autos vor der Schule lauert, nur um das nächste Kind anzufallen? Oder ist es nur diese elende Bequemlichkeit des Autos, die alle rigoros ausnutzen wollen?
Ich weiß es nicht und werde es als jemand, der selbst kein Auto fährt, wohl nie verstehen.

 

Selbstständigkeit und Vertrauen

Bei diesen Auto-Kolonnen geht mir noch etwas durch den Kopf: diese Eltern nehmen ihren Kindern doch auch ein Stück ihrer Selbstständigkeit und des Vertrauens. Ja, ich begleite meinen Sohn auch ein oder zwei Mal in der Woche zur Schule, aber der Fokus liegt auf dem Wort „begleiten“. Die Schule liegt auf meinem Weg und ich verbringe gerne etwas Zeit mit Sohnemann. Wir reden die zehn Minuten über alles mögliche und ich denke, er genießt die Zeit, die er mich für sich alleine hat. Aber ich weiß, dass er in der Lage ist, den Weg alleine zu bewältigen. Ich vertraue ihm. Schon zwei Wochen nach der Einschulung wollte er ersteinmal alleine gehen – und ich habe ihn gelassen. Denn bei Sohnemann war es immer schon sehr einfach: was er sich zutraut, das kann er auch.

Auch dann, wenn Töchterchen zur Schule gehen wird, werde ich sie ab und zu begleiten – sofern sie es möchte. Derzeit spricht sie davon, dass sie alleine zum Kindergarten gehen möchte. Klar, sie kennt den Weg, aber da sind diese Auto-Kolonnen vor den Schulen …

Unser Leben ohne Auto

PICT0717_kleinFast ein ganzes Jahr hatten wir kein Auto. Wer mich kennt, würde sich über diese Aussage eigentlich nicht wundern; als Anhänger von schönen Ideen wie Foodsharing, Repair-Cafés und Upcycling und noch dazu führerscheinlos, war ich ohnehin schon immer von anderen Transportmitteln abhängig.
Dennoch macht das Auto es sehr bequem und mein Mann benutzte es doch gerne. Bis es den Geist aufgab.

Unfreiwillig Autofrei

Letztes Jahr im Sommer musste unser Auto – oder besser das Auto meines Mannes – zum TÜV. Wiedererwartend schaffte es diese Hürde noch einmal … und stand zwei Wochen späte doch wieder in der Werkstatt. Diagnose: Die Reparaturkosten für die durchgerostete Lichtmaschine hätten den Wert des Autos überstiegen.
Und da fing es an, unser Leben ohne eigenes Auto, denn das Geld für einen neuen Gebrauchten hatten wir einfach nicht. Doch es war für uns nicht ganz ein Sprung ins kalte Wasser. Uns war schon zuvor klar, dass das Auto nicht mehr lange fahrtüchtig gewesen wäre und schon öfter hatte ich mit meinem Mann darüber gesprochen. Ich wollte kein neues Auto haben. In meinen Augen war das Auto vor allem ein Geldfresser, der manches zwar bequemer machte, aber Kosten verursachte, auf die wir durchaus hätten verzichten können. Schon öfter hatten wir durchgesprochen, wie wir bestimmte Dinge erledigen konnten. Und dann war es soweit und wir waren gezwungen, nicht nur darüber zu sprechen, sondern es zu tun; und es klappte.

Die Grundpfeiler des Autofrei

Vor allem, was die alltäglichen Einkäufe anging waren wir bereits im Vorteil. Gemüse und Obst bekamen wir ohnehin schon von meinem geliebten Bio-Anbieter geliefert, Getränke konnten wir uns ebenso ins Haus bringen lassen. Der Samstagseinkauf für alles Weitere ließ sich mit dem Rad erledigen und auch zu unserem Sportzentrum kamen wir ganz bequem mit dem Bus. Das waren die Eckpunkte, die wir bereits überdacht hatten und die wir nun einsetzten.
Und es klappte. Für mein Befinden sogar wirklich gut. Dennoch lief ohne Auto nicht immer alles glatt.

Mit den Kindern gab es ebenfalls keine Probleme. Schon seit Sohnemann hier in den Kindergarten gehen konnte, sind wir den Weg zu Fuß oder mit dem Rad gefahren. Und so hielten wir es einfach weiter. Auch vorher waren wir fast die einzigen, die bei jedem Wetter einfach zur Schule liefen – es sind keine 15 Minuten, weswegen sollte man die auch mit dem Auto fahren? Während wir also gemächlich durch den Regen schlenderten, stiegen andere Kinder aus den Autos. Aber Sohnemann störte das nie.

Schwierigkeiten beim Autofrei

Auch, wenn man wie wir in einer Stadt mit einem guten Öffentlichen Verkehrssystem wohnt, gibt es doch immer wieder Dinge, die sich ohne Auto einfach schwierig gestalten. Darunter fallen diverse Ärzte, besonders, wenn man wie ich den Drang hat, nicht zu irgendeinem Arzt zu gehen, sondern zu einem guten.
Ein paar Beispiele? Gerne 🙂

Wir haben seiner Zeit lange gesucht, bis wir unsere jetzige Kinderärztin gefunden hatten. Leider ist die Praxis in einer Nachbarstadt, die von uns aus mit dem Bus eher schlecht zu erreichen ist. Außerdem: Mit einem kranken und vielleicht sogar noch fieberndem Kind Bus fahren ist nicht gerade Gesundheitsfördernd; weder für Eltern, noch für das Kind.

Einen Tierarzt hatten wir die ganze Zeit nicht in der Nähe. So haben wir auch da eine Tierklinik in „autonähe“ gesucht, gefunden – und hatten nun Probleme dort hin zu kommen.
Ähnlich verhält es sich noch mit meiner Gynäkologin und unserem Zahnarzt.

Dazu kommen solche Hürden wie Krankheiten. Das gemeinsame Einkaufengehen war eigentlich sehr angenehm, man konnte sich unterhalten und bis man nach zwei bis drei Stunden wieder zuhause war, hatte man auch das Gefühl, den Kindern etwas Gutes getan zu haben.
Leider war dieses gemeinsame Einkaufen eher eine Seltenheit. War ein erwachsener Krank, blieb er zuhause. War Töchterchen krank, musste ebenfalls jemand mit ihr zuhause bleiben. Und je nach Gefühlslage war es bei Sohnemann nicht anders.
Aber es ging irgendwie. Wir standen niemals mit völlig leerem Kühlschrank da. Manchmal ohne Schokolade, manchmal ohne Belag für das Brot, das ich auf dem Weg von der Arbeit nach hause wunderbar mitbringen kann und zur Not konnten wir immer noch Pfannkuchen machen. Aber ganz ohne Essbarem waren wir nie.

Aus einigen Schwierigkeiten ergaben sich aber auch sehr schöne Gelegenheiten. Dazu zählt nicht nur das Einkaufen, sondern auch unsere Trainigszeiten im Sportzentrum. Jeder hat andere Zeiten und manches Mal wäre es mit dem Auto leichter gewesen, diese auszunutzen. Dadurch musste einmal die Woche ich und einmal die Woche mein Mann mit beiden Kindern in die Stadt fahren und Sohnemann zum Training bringen, damit der andere Elternteil jeweils hinterher zu Training gehen konnte.
Aber eine Stunde mit Töchterchen in der Stadt ist wunderbar! Rolltreppe rauf, Fahrstuhl runter, Brezel essen, hier schauen, dort gucken; was gibt es schöneres, als Zeit mit einem Kind?

Carsharing & Co

Wer ohne Auto klar kommen muss, muss sich natürlich auch überlegen, woher ein Auto kommen kann, wenn man doch wirklich mal eines braucht. Gründe dafür gab es ja durchaus. Eine Recherche im Internet ergab allerdings, dass unsere Stadt leider doch etwas zu klein für viele – und vor allem spontan brauchbare – Carsharing-Angebote ist. Aber da war das Glück auf unserer Seite; das Glück einen Vater zu haben, dessen Firma von uns aus in Laufnähe liegt und bei dem meistens ein Auto zur Verfügung stand.
Auch anderweitige Verwandtschaft hätte uns natürlich ausgeholfen.

Die Bequemlichkeit des Autos

Vor einigen Wochen hat mein Mann es geschafft und ein erschwingliches Auto an Land gezogen. Tja, leider ist es seit dem vorbei. Wir fahren einkaufen, obwohl es anders geplant war. Mein Mann fährt Töchterchen zur Kindergruppe, obwohl es anders geplant war. Mein Mann fährt auch zum Training, obwohl es anders gedacht war.
Und ich? Ich stehe so da, wie zuvor auch. Ich kann nicht fahren und möchte es auch nicht. Gut, ich habe mein Fahrrad wieder für mich und ich bringe auch Sohnemann zusammen mit Töchterchen noch einmal die Woche mit dem Bus zum Training – Busfahren macht Töchterchen schließlich Spaß. Ich begleite Sohnemann auch noch regelmäßig zur Schule, egal bei welchem Wetter.
Dennoch: die Bequemlichkeit des Autos ist wieder da.

Ich war mit dem Leben ohne Auto zufrieden. Jetzt bin ich schon wieder an einem Punkt, an dem ich mich selbst mit der Bequemlichkeit eines Autos abfinde. Nein, ich mag keine Autos und ich werde sie niemals mögen. Aber manchmal – und doch viel zu oft – ist es bequemer mit dem Auto zu fahren.
Mir bleibt nur zu hoffen, dass ich meinen Kindern etwas meiner Einstellung mitgeben kann, wenn die Zeit kommt, in der sie selbst so weit sind, ein Auto fahren zu dürfen.

Interessante Links

http://www.autofrei.de/index.php
http://www.carsharing.de/
https://flinc.org/

http://einjahrohneauto.wordpress.com/
http://blog.zeit.de/fahrrad/2012/11/19/autofrei-auf-dem-land/

Musik: Bewegungsfreude bei Nightwish

Zwar gehört Nightwish zu meinen Lieblingsbands, doch dass es immer wieder Lieder gerade dieser Band sind, die bei meinen Kindern so hoch im Kurs stehen, finde ich auffällig.

Die neueste Errungenschaft Töchterchens ist „Last Of The Wilds“. Seit sie auf eigenen Beinen steht und kreuz und quer durch die Wohnung läuft, liebt sie auch alles, was sie zur Bewegung animiert. Dieses Lied nun hat vor Jahren schon Söhnchen zum Hüpfen angeregt, nun tanzen sie gemeinsam dazu durch die Wohnung.

Nightwish: Last Of The Wilds