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Von gesundem Menschenverstand im Wahlnachgang

Die Bundestagswahl ist um, wir haben gewählt. Und wieder saß ich in meiner kleinen Filterblase und glaubte an die Vernunft der Menschen – bis ich die ersten Hochrechnungen sah.

Kurz vorweg: Ja, ich bin links-grün-versifft. Ich halte soziale Berufe für die Wichtigsten, ich finde alle – vor allem alle Kinder – sollten die gleichen Chancen erhalten, ich mag keine Autos, keine Rassisten und keine gedankenlosen Mitläufer und bin voll für die Energiewende. Kurzum: Ich mache mir Sorgen um Menschen, Tiere und überhaupt alles Lebendige auf dieser Welt.
Und ich hoffe immer noch darauf, dass sich endlich Einiges zum Guten wendet und Menschen zeigen können, dass sie auch vernünftig sein können, statt sich in „Sicherheit“ zu wiegen und einfach jemand anderem die Schuld an all dem zu geben, was gerade schief läuft. Denn in dem Moment gibt man seine eigene Meinung ab.

 

Es beginnt im Kindergarten …

Meine Kinder denken nach. Über ziemlich vieles. Sohnemann hat sich schon immer tiefgehende Gedanken gemacht; über Gott und die Welt. Und ja, auch er bekommt vieles mit und fragt nach. Er fragt, warum manche Menschen die Flüchtlinge nicht hier haben wollen. Er fragt, warum sich die Jungs in der Schule darüber lustig machen, wenn er „Mädchenkram“ mag oder eine Wuschelfrisur haben möchte. Und er denkt intensiv darüber nach.
Töchterchen ist da sogar noch fixer. Während Sohnemann erst in der Schule anfing, Dinge kritisch zu hinterfragen, macht Töchterchen das jetzt schon. Sie glaubt nicht einfach alles, was ihr andere erzählen. Nein, sie fragt lieber noch einmal ihre Eltern. Und das ist gut so! Es zeigt, dass sie sich Gedanken macht. Es zeigt, dass sie schon jetzt eine eigene Meinung entwickelt. Und ja, sie darf natürlich anderer Meinung sein, als ich oder der Mann!

Aber dann sind da die anderen Kinder. Die, die meinen, nur ihre Meinung sei richtig, nur sie hätten das sagen und denen es egal ist, ob sie andere Kinder verletzten. Und auch deren Eltern ist es egal. Die sehen das „als nicht so schlimm“ an. Kinder von Eltern, die kein Einfühlungsvermögen haben, werden selbst schwerlich eines entwickeln – und die werden rücksichtslos.
Aber unsere Gesellschaft ist eine Ellenbogengesellschaft. Menschen, die auf andere Menschen achten, gehen im Egoismus anderer allzu leicht unter. Vielleicht sind es auch diese Kinder, die im Egoismus ihrer Eltern untergehen und so unbesehen einfach das tun, was diese für das Beste halten.

 

Für mehr Toleranz und weniger Vorurteile

Vorurteilen begegnen wir immer wieder. Selbst ich ertappe mich immer mal wieder bei vorurteilbehafteten Gedanken; insbesondere dann, wenn ich andere Eltern mit ihren Kindern beobachte. Aber ich ertappe mich und ich reflektiere darüber. Letzteres fehlt leider vielen Menschen.
Und doch ist es die Selbstrefelektion, die dazu führt, seine eigene Meinung bilden zu können. Wer seine eigenen Gedanken, sein eigenes Reden und sein eigenes Handeln nicht überdenken kann, wird niemals verstehen, weswegen Menschen anderer Meinung sein können. Toleranz hängt mit Verständnis zusammen – und mit Offenheit. Ohne Offenheit keine eigene Meinung und keine Toleranz.
Und das beginnt bereits im Kindergartenalter. Kinder wollen Dinge verstehen. Kinder wollen toleriert werden, wollen so sein können, wie sie sind. Wird das von den Eltern unterbunden, weswegen sollten sie dann tolerieren, wenn andere Kinder anders sind? Wie sollen sie so einen gesunden Menschenverstand entwickeln? Denn auf den kommt es doch an, oder nicht? Der gesunde Menschenverstand allein verbietet es doch, anderem Menschen wissentlich zu schaden. Der gesunde Menschenverstand muss doch dafür sorgen, dass man über sich selbst und die Welt nachdenkt. Und über die Konsequenzen des eigenen Handelns.

Ich stelle mir mittlerweile die Frage, ob es eine Seltenheit ist, wie ich aufgewachsen bin; mit politisch engagierten Eltern und Großeltern. Mit einer Familie, die sich auch schon früher nicht zu fein war, eine Flüchtlingsfamilie aus Afrika bei uns im Haus aufzunehmen. Mit einer Familie, die sich mit Sachverhalten auseinandersetzt, umsich eine Meinung bilden zu können.
Eigenständiges Denken und Selbstständigkeit ist es, was hoch geschätzt wird und was zum Glück auch meine Kinder mitgenommen haben. Und ich wünsche mir, dass alle Eltern ihr eigenes Verhalten, ihr eigenes Handeln reflektieren lernen – vielleicht erlangen wir dadurch wieder mehr soziale Kompetenz, Eigenständigkeit und Verständnis für andere. Die Welt ist nicht schwarzweiß. Sie ist bunt. Leider wird das oft durch Angst, Egoismus und Ignoranz verschleiert.

 

#wirschreibenDemokratie

Im Rahmen meines Autorendaseins hat sich bezüglich der Wahlergebnisse auch sofort etwas getan. Das Nornennetzwerk brachte den Hashtag #wirschreibenDemokratie auf, zu dem sich bereits einige Beiträge gesammelt haben. Wer sich generell für das Thema interessiert, einige Links gibt es auf den Webseiten Katherina Ushachov. Oder ihr stöbert nach dem #wirschreibenDemokratie auf Twitter.
Meinen Beitrag findet ihr auf in meinem Autorenblog: #WirschreibenDemokratie – ein paar Gedanken.

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Anekdote: Erste Hilfe einer 5-Jährigen

Auf dem Spielplatz traf Töchterchen eine Freundin aus dem Kindergarten. Sie spielten, ich las – bis Töchterchen mit ihrer Freundin zu mir kam und mich nach einem Pflaster fragte. Ihre Freundin habe sich beim Spielen den Fuß aufgeschürft, ein kleiner Kratzer, der aber ein sehr leidendes Gesicht verursachte. Leider konnte ich weder mit einem Taschentuch noch mit einem Pflaster oder Ähnlichem dienen.
Aber Töchterchen half trotzdem. Sie nahm meine Wasserflasche und meinte: „Mit Wasser kann man sie sauber machen!“ Und das tat sie dann. Allein diese kleine Geste half ihrer Freundin bereits und beide gingen wieder spielen.

Die Auto-Kolonnen-Blockade – oder: ein Schulweg ohne Autos?

Es wird Frühling. Nach den eisigen morgenden, werden die Tage wieder Wärmer und trockener und meine Kinder freuen sich darauf, wieder Radfahren zu können. Klar, dachte ich bei mir, Töchterchen mit dem Fahrrad zum Kindergarten bringen ist schöner, als mit dem Bus zu fahren. Sohnemann hatte sich vom Winter ohnehin nur selten davon abhalten lassen, mit dem Rad oder seinem Roller zur Schule zu fahren. Aber für Töchterchen war es zu kühl – zumal ihr Weg ungleich länger ist, als Sohnemanns.

 

Horden von Autos

Mit großer Freude setzte sich Töchterchen an dem Morgen auf das Fahrrad, als ich endlich zustimmte, mit dem Rad zum Kindergarten zu fahren. Am ersten Tag waren wir spät dran, doch am Tag darauf dachte ich, mich tritt ein Pferd. Wir waren äußerst früh unterwegs. Unser Weg führt an einer stark befahrenen Straße entlang, an der mehreren Schulen ihre Zufahrt haben. Und die Autos standen Schanlge, um zu den Schulen einbiegen zu können.
Töchterchen fuhr langsamer auf dem Radweg. Ihr waren die ganzen Autos sichtlich nicht geheuer. Doch sie verließ sich auf mein Wort, wir hätten vorfahrt. Die meisten Autofahrer beherzigen das zum Glück auch, besonders, wenn sie ein kleines Kind auf einem Fahrrad sehen. Dann nehmen sie Rücksicht. Aber was ist mit den Größeren?

Diese Frage stellte ich mir ein paar Tage später ein weiteres Mal. Der Mann brachte Töchterchen in den Kindergarten und ich konnte Sohnemann zu Schule begleiteten – ebenfalls mit dem Fahrrad. Es ist für mich praktisch, denn die Schule liegt auf dem Weg zum Bahnhof. Doch auch da stauten sich die Autos. Um die ganze Schule herum drängte sich Auto um Auto, in allen Größen und allen Farben.
Käme Sohnemann nicht jeden Morgen von der Seite, an der keine Einfahrt für Autos ist, hätte sogar ich darüber nachgedacht, ihm zu verbieten mit dem Rad zu fahren. Sicherlich, Sohnemann hat seine Prüfung abgelegt und auch bestanden. Aber Kinder sind für gewöhnlich trotzdem nicht unbedingt verkehrssicher; da hapert es ja schließlich auch bei so manchem Erwachsenen. Doch diese Kolonnen von Autos, die alle unbedingt ein einziges Kind abladen müssen, um dann mühevoll in der Sackgasse hinter der Schule zu drehen und sich wieder raus zu schlängeln, ist für Kinder sicher alles andere als eine Motivation vielleicht selbstständig mit dem Rad zur Schule zu kommen.

 

Die Unsicherheiten des Schulweges

Ein gängiges Argument für Eltern, ihre Kinder mit dem Auto zu bringen ist der „unsichere Schulweg“. Gut, da habe ich durchaus Verständnis. Sohnemanns Schulweg könnte auch sicherer sein, denn er muss genau an jeder stark befahrenen Straße über die Ampel, an der ich mit Töchterchen zum Kindergarten entlangfahren muss. Trotzdem ist es doch wohl keine Lösung, stattdessen selbst mit dem Auto hinzufahren. Im Gegenteil: dadurch ist ein Auto mehr in der Blockade.
Ich verstehe auch das Argument, dass man ohnehin auf dem Weg zur Arbeit an der Schule vorbeifährt und das Kind dort absetzen kann. Aber wozu muss man es dann bis vor die Tür fahren? Mal ehrlich, ist es denn so schwer, es an der Kreuzung vorher einfach rauszulassen, dass es das letzte Stück laufen kann? Oder ist auch das zu gefährlich, weil da ja eine ganze Meute von Autos vor der Schule lauert, nur um das nächste Kind anzufallen? Oder ist es nur diese elende Bequemlichkeit des Autos, die alle rigoros ausnutzen wollen?
Ich weiß es nicht und werde es als jemand, der selbst kein Auto fährt, wohl nie verstehen.

 

Selbstständigkeit und Vertrauen

Bei diesen Auto-Kolonnen geht mir noch etwas durch den Kopf: diese Eltern nehmen ihren Kindern doch auch ein Stück ihrer Selbstständigkeit und des Vertrauens. Ja, ich begleite meinen Sohn auch ein oder zwei Mal in der Woche zur Schule, aber der Fokus liegt auf dem Wort „begleiten“. Die Schule liegt auf meinem Weg und ich verbringe gerne etwas Zeit mit Sohnemann. Wir reden die zehn Minuten über alles mögliche und ich denke, er genießt die Zeit, die er mich für sich alleine hat. Aber ich weiß, dass er in der Lage ist, den Weg alleine zu bewältigen. Ich vertraue ihm. Schon zwei Wochen nach der Einschulung wollte er ersteinmal alleine gehen – und ich habe ihn gelassen. Denn bei Sohnemann war es immer schon sehr einfach: was er sich zutraut, das kann er auch.

Auch dann, wenn Töchterchen zur Schule gehen wird, werde ich sie ab und zu begleiten – sofern sie es möchte. Derzeit spricht sie davon, dass sie alleine zum Kindergarten gehen möchte. Klar, sie kennt den Weg, aber da sind diese Auto-Kolonnen vor den Schulen …