Tag-Archiv | gesellschaft

Gedanken zum Schulsystem

Mit dem Ende der Sommerferien begann hier alles neu. Töchterchen durfte endlich den Kindergarten wechseln, Sohnemann besucht nun eine weiterführende Schule und der Mann hat erstmal reguläre Arbeit in einer Kindertagesstätte.
So weit so gut, es läuft. Und doch gibt es da eine Sache, die schwer im Magen liegt: Sohnemann passt nicht in das gängige Schulsystem.

 

Das Frühchendasein

Sohnemann kam zwei Monate zu früh. Schon damals wurde uns gesagt, er würde noch Schwierigkeiten deswegen bekommen, doch er entwickelte sich normal. Es gab keine Komplikationen, er war nur lange Zeit kleiner und schmaler als andere Kinder seines Alters. Ansonsten lag seine Entwicklung von all dem, was in den U-Untersuchungen getestet wird, völlig in der Norm.
Probleme entstanden erst, als er in die Schule kam. Er hat Schwierigkeiten sich zu konzentrieren, lässt sich leicht ablenken und braucht Ruhe, um Dinge zu begreifen. Auch seine Feinmotorik ist nicht die Beste, weswegen ihm alles Schriftliche schwerfällt.

 

Vorpubertät

So langsam bahnt sich die Pubertät ihre Wege und das merkt man Sohnemann an. Mädchen interessieren ihn zwar noch nicht, aber emotional wird er immer empfindlicher. Besonders, was die Schule angeht. Sobald er etwas nicht schafft, verliert er nicht nur die Lust, sonder beginnt zu zweifeln. „Ich bin der dümmste Junge der Schule!“, schallt es dann aus dem Zimmer.
Das ist er natürlich nicht. Im Gegenteil. Ich sehe einen sensiblen und sehr intelligenten Jungen. Mit dem Verständnis des Schulstoffs hatte er bisher noch nie Probleme. Allein die Methode, wie er es lernen soll, ist die Hürde. Eine sehr Große sogar. All die Eindrücke in einem normalen Klassenraum sorgen dafür, dass er Erklärungen im Unterricht nicht folgen kann. Besonders dann, wenn es ihn Nichtmal interessiert.

 

Schulkonzepte

Das Schulkonzept unserer Grundschule sieht vor, dass die Kinder erst ab der dritten Klasse Noten bekommen. Doch seid es Noten gibt, sackt Sohnemann immer weiter ein. Schlechte Noten bedeuten, er sei dumm, so wurde das von so manchen Lehrern kommuniziert. Der nette Referendar, der sich in Mathematik sehr bemühte und bei dem Sohnemann der Unterricht sehr viel Spaß gemacht hatte, wurde leider ausgebremst. Es gab Beschwerden. Solche Ereignisse hängen Sohnemann nach. Noch immer sagt er, ihm hätte Mathematik mit besagtem angehenden Lehrer sehr viel Spaß gemacht. Mittlerweile ist das fast zwei Jahre her und Mathe ist sein Hassfach geworden.
Der Druck in der vierten Klasse wurde immer größer. Immerhin stand dann ein Schulwechsel an und die Noten sollten entscheiden, auf welche Schule er wechseln konnte. Leider sind solche Jungen wie Sohnemann gerne das Ziel von Rabauken. Die gibt es zwar auf jeder Schule, aber Unterforderung in Kombination mit Mobbing war uns allen eine Horrorvorstellung.
Sohnemann wusste, wie wichtig die Noten bei der Wahl der weiterführenden Schule war und verzweifelte fast daran, dass all seine Bemühungen scheiterten und er sich selbst im Weg stand. Noten wurden zum Graus. Noten waren das schlimmste an der Schule und jedes Mal machte er sich fertig, weil er eine schlechte Note erwartete. Dabei bekommt er, anders als diverse seiner Freunde, keinen Ärger wegen schlechter Noten von uns. Wir versuchen viel mehr, ihn zu unterstützen.

Für seine weiterführende Schule haben wir in Absprache mit seiner (nun ehemaligen) Klassenlehrerin die beste Wahl getroffen, die uns möglich war: Eine integrierte Gesamtschule. Das Konzept ist etwas offener, alle Schüler aus Haupt-, Real- und Gymnasialstufe sind in einer Klasse in den Grundfächern zusammen und werden in den grundlegenden Fächern wie Sprachen, Naturwissenschaften und so weiter in Kurse aufgeteilt – je nachdem, welche Noten sie in den Fächern haben. Doch es ist nicht so starr, wie das dreigeteilte Schulsystem allgemein.
Dennoch geht es auch dabei wieder um Noten.

 

Erwartungshaltung und Leistungsdruck

Ein sensibles Kind geht leider allzu oft unter. Ich für meinen Teil versuche Sohnemann das Gefühl zu geben, dass er bleiben kann, wie er ist; verträumt, sensibel, kreativ und sogar nachdenklich. Das schwierigste an dieser Kombination für ihn ist, irgendwie mit einem System zurechtzukommen, in dem auch als „normal“ geltende Kinder oft schon Probleme haben. Noch hat er erst ein paar Wochen auf der neuen Schule hinter sich. Noch wurden keine Arbeiten geschreiben und noch bekam er keine Noten. Es bleibt abzuwarten, ob es auf der Gesamtschule besser läuft, als bisher in der Grundschule.
Unsere Erwartung jedenfalls ist: Er soll seinen Weg finden. Da sind sich der Mann und ich einig. Sohnemann ist ein intelligentes Kerlchen. Er hat eine sehr gute Auffassungsgabe und denkt sich auch phantasievoll alles Mögliche aus. Er ist sozial eingestellt, hält sich an Regeln und ist doch zumindest in seiner Arbeitsweise eine Art Einzelgänger, weil er die Ruhe dafür benötigt. Und sobald er sich für etwas interessiert, ist er auch mit viel Spaß dabei.

Leider ist es aber nicht das, was diese Gesellschaft fordert. Diese Gesellschaft macht Druck. Diese Gesellschaft misst Leistung in Noten und Zeugnissen, anstatt an dem, was ein Kind leisten könnte, ließe man es seinen Interessen folgen. Und alles, was wir dabei tun können, ist dafür zu sorgen, dass unser Sohn nicht an dem Druck einer Leistungsgesellschaft zerbricht.

 

Advertisements

Ungeziefer – oder: Warum man sich über Läuse freuen sollte

Jeder kennt sie, jeder hatte sie schon mal: Läuse. Wir hatten mittlerweile schon vier Mal das Vergnügen, seit Sohnemann in der Schule ist. Und auch, wenn Läuse weder gefährlich, noch ein Anzeichen für mangelnde Hygiene sind, es ist Ungeziefer und einfach nur „ihhhbä!“, um es mit Töchterchens Worten auszudrücken.

Nun fragt ihr euch wahrscheinlich – und berechtigter Weise: Warum schreibt sie über Läuse?
Die Antwort darauf ist einfach: Weil es ein Schämthema ist obwohl es keinen Grund gibt, sich deswegen zu schämen.

 

Läusepanik

Diese Läusepanik kennt wahrscheinlich jeder Erwachsene, der schon einmal seine Kinder hat entlausen müssen. Ungeziefer! Ihh! Ja, das war beim ersten Mal auch meine Reaktion. Allerdings war mir da noch nicht klar, wie man Läuse eigentlich wieder los wird. Mir war nur klar, dass ich nicht in Panik verfallen sollte. Habe ich Panik, haben sie die Kinder auch. Dazu kam noch: ich musste zwei wissensdurstigen Kindern natürlich auch erklären, was Läuse sind, warum deswegen der Kopf juckt und weswegen sie deswegen auch noch zuhause bleiben müssen. Und vorallem Töchterchen stellte mir noch mehr Fragen, als wir sie vor zwei Jahren das erste Mal entlausen mussten.
Aber für so etwas gibt es Abhilfe. Für alles, was ich nicht auf Anhieb beantworten kann, frage ich zuersteinmal YouTube, ob es vielleicht einen Beitrag aus Der Sendung mit der Maus gibt. Und ja, den gab es. Auch beim letzten Läusebefall schauten wir uns zuerst noch einmal zusammen das Video an:

 

 

Und schon waren so ziemlich alle Fragen beantwortet. Die Kinder wussten, weswegen sie ein Antiläusemittel auf den Kopf bekamen und weswegen ich in den nächsten Tagen viel Zeit damit verbringen musste, ihre Haare gut auszukämmen. Sie halfen mir die Bettwäsche zu wechseln und ihre geliebten Pillowpets zu waschen.
Manchmal kann Erklären so einfach sein 😉

Es muss übrigens nicht immer die Maus sein, die etwas erklärt. Vor zwei oder drei Wochen bin ich zufällig noch über ein Video bei Quarks&Co gestolpert, das sich ebenfalls mit Läusen beschäftigte.

 

Doch auch, wenn man all das weiß, gibt es doch eines, dass sich nicht abstellen lässt: Sobald man von Läusen spricht, oder auch nur über sie nachdenkt, beginnt der Kopf zu jucken, ganz automatisch.

 

Der Dank der Kita

Als ich Anfang des Jahres Läuse auf den Köpfen beider Kinder und leider auch auf meinem eigenen entdeckte, griff ich zum Telefon, um beide Kinder zu entschuldigen. Es war die erste Schulwoche nach den Ferien, aber es half nichts: Sohnemann musste zuhause bleiben und entlaust werden.
Ich rief also sowohl in der Schule, als auch im Kindergarten an, um Bescheid zu geben. Pflichtbewusst wie ich bin, sagte ich natürlich auch, worum es ging. Wenn ein Kind Läuse hat, kann man davon ausgehen, dass mehrere betroffen sind. Die Einrichtung muss das erfahren, damit sie die Information an die Eltern weiterleiten kann und damit dem Problem wirklich Abhilfe geschaffen werden kann.
Völlig verblüfft war ich jedoch, als sich eine der Damen am anderen Ende des Apparates bei mir bedankte. Viele Eltern melden leider nicht, wenn die Kinder Läuse hätten, meinte sie.
Eine ähnliche Geschichte erzählte mir die Apothekerin, bei der ich kurz darauf die gängigen Mittelchen zur Läusevernichtung einkaufte. Auch sie wies mich darauf hin, dass ich es Schule und Kindergarten melden müsse. Im Gespräch sagte sie mir, sie hätte schon erlebt, dass sich Eltern aus Zeitmangel gar nicht darum kümmerten, die Läuse loszuwerden. Und natürlich, dass sie sich schämten so etwas zuzugeben.

Das sind Dinge, die ich nie verstehen werde: Wie kann man einfach hinnehmen, dass sich so etwas wie Läuse weiter ausbreiten, weil es niemand außer mir wusste, das mein Kind Läuse hatte? Und das, wo es im Grunde nur Zeit und etwas Sorgfalt kostet, sie loszuwerden? Oder noch schlimmer: Wie kann man einfach hinnehmen, dass Ungeziefer auf den Köpfen der Kinder krabbelt? Die simple Tatsache, dass Sohnemann sich sechs Wochen später schon wieder Läuse eingefing, sagt mir, dass die Apothekerin recht hatte. Allem Anschein nach grassieren die Läuse bereits seit Ende letzten Jahres in der Schule. Und ja, es ist stressig, sein Kind nach ein paar Wochen erneut entlausen zu müssen, weil andere Eltern es nicht tun. Zum Glück bemerkte ich es beim zweiten Mal in diesem Jahr früh genug und Töchterchen und ich blieben dieses Mal verschont.

Und ja, ihr habt richtig gelesen: Ich hatte die Läuse ebenfalls. Das ist der grundlegende Nachteil eines Familienbettes. Ob Sohnemann die Läuse an mich weitergab und ich sie an Töchterchen, oder umgekehrt, kann ich beim besten Willen nicht sagen. Aber schliefe Töchterchen nicht immer noch dicht an mich gekuschelt, wäre mir die Läuse auf meinem eigenen Kopf erspart geblieben.

 

Mein Appel an euch

Liebe Eltern, nun folgt eine Aufforderung an Euch: Wenn euer Kind Läuse hat, bitte bitte meldet es den entsprechenden Einrichtungen. Läuse sind unangenehme und lästige kleine Gesellen, doch dort, wo Kinder die Köpfe zusammenstecken, können sie sich gut verteilen.
Wegen Läusen muss man sich nicht schämen. Im Gegenteil: Sie bedeuten, Eure Kinder haben genug soziale Kontakte. Ohne diese, könnten sie nicht von einem Kopf auf den anderen klettern.

Also freut Euch doch das nächste Mal, wenn Ihr Läuse findet! Denn dann wisst ihr mit Sicherheit, Eure Kinder haben Freunde.

Über Leichen in die Bibliothek – oder: Beitrag zur Blogparade „Was mache ich eigentlich beruflich?“ #workingblogger

Da stolpert man über eine interessante Blogparade mit einem Thema, zu dem man ohnehin schon mal etwas schreiben wollte und hat dann sogar noch zwei Wochen Zeit, selbst einen Artikel zu verfassen. Zwei Wochen heißt bei mir etwas 4 bis 5 Stunden verteilt auf zwei Wochenenden. Viel mehr Zeit für meine Blogs bleibt mir einfach nicht.
Und genau darum geht es auch in der Blogparade: »Was mache ich eigentlich beruflich?« von Großstadtküste (#workingblogger). Denn, wenn ich etwas schon öfter erwähnt habe, dann dass ich berufstätig bin.

Familie, Beruf und Hobby – all diese Dinge muss ich unter einen Hut bekommen. Leider wird es einem dabei oft nicht ganz einfach gemacht. Ich bin Pendlerin und habe noch dazu nur einen Führerschein für mein Fahrrad, nicht aber für irgendetwas, dass einen richtigen Motor hätte. Die größte Tageshürde ist derzeit der Kindergarten, der leider im falschen Stadtteil liegt.
Nachdem ich also zwischen 5:30 bis etwas 8:30 erst einmal alles erledige, was ich so zu erledigen habe (das umfasst mich fertig machen, schreiben, den Hundespaziergang, die Kinder fertig machen und wegbringen), schlage ich dann täglich gegen 9:30 endlich auf der Arbeit auf. In »meiner« Bibliothek nämlich. Ja, ihr lest richtg: Ich bin Bibliothekarin.

Und wie kommt man zu sowas?

Meine Antwort darauf ist: Berufsberatung. Nach meinem Abitur stand nur fest, dass ich etwas mit Büchern studieren wollte. Da gab es nur zwei Möglichkeiten. Das eine war ein Studium in Bibliotheks- und Informationswissenschaften das andere war ein Kunststudium für Buchkunst. Da ich trotz einem Leistungskurs in Kunst einfach nicht gut genug war, habe ich dann einfach das andere gemacht.
Schon im Studium habe ich mich gerne mit Webdesign beschäftigt. Das traf meine künstlerische Ader und vor allem auch meinen Hang zum Perfektionismus. Schon pixelkleine Verschiebungen stechen mir ins Auge und sind im Code so einfach zu beheben! Leider saß ich, mit meinem Diplom in der Hand, nach dem Abschluss trotzdem erst einmal auf der Straße, völlig ohne Job. Und was macht Frau dann, wenn sie es nicht leiden kann, gar nichts zu tun? Genau: Sich bewerben. Neben den üblichen Bewerbungen im Bibliothekswesen hatte ich aber noch die grandiose Idee, mich auch für ein Zweitstudium zu bewerben. Dumm herumsitzen liegt mir nicht. Ich wollte also etwas Sinnvolles machen und mich gleichzeitig bewerben. Ein halbes Jahr hing ich rum ohne, dass meine Bewerbungen einen Erfolg gebracht hätten – zumindest nicht die als Bibliothekarin. Aber eine Uni nahm mich mit offenen Armen zwei Wochen vor Semesterbeginn in meinem Wahlstudiengang Humanmedizin auf.

Die Leichen sezierenende Bibliothekarin

Zur Erklärung für alle, die sich nun wundern: Ich habe eine medizinische Vorprägung. Ich bin Ärztinnentochter und habe somit auch schon immer einen Hang zur Medizin gehabt. Es war also nicht ganz so abwegig Medizin zu studieren, wie es im ersten Moment klingt.
Zwei Wochen waren nun aber nicht viel Zeit, um umzuziehen. Ein Glück nur, dass mich gerade die Uni aufgenommen hatte, die in erreichbarer Nähe zu meinen Eltern liegt. Mein Mann war zur gleichen Zeit mit seiner ersten Ausbildung fertig und so schafften wir es wirklich innerhalb dieser zwei Wochen vor Studienbeginn in eine Wohnung zu ziehen, die ungenutzt im Haus meines Vaters zur Verfügung stand. Und dann begann das erste Mal in meinem Leben richtig Stress. Das Medizinstudium war Stress pur. Ich paukte zum zweiten Mal in meinem Leben sämtliche Naturwissenschaften durch und die Anatomie des Menschen. Ohne den Anatomiekurs hätte ich wahrscheinlich noch weniger als nicht ganz zwei Semester durchgehalten. Doch da ich dabei meinen ursprünglichen Plan, mich während des Studiums weiterzubewerben, nicht durchhalten konnte und auch nicht ernsthaft vor hatte, Ärztin zu werden, sondern viel mehr darüber in einer medizinischen Bibliothek hatte Fuß fassen wollen, gab ich das Studium auf und landete in meinem ersten Minijob.

Führerscheinlos in der Autowerkstatt

Letztlich fand ich mich, dank meines Vaters, in dem Büro seiner Werkstatt wieder. Es war die Zeit meiner ersten Schwangerschaft und er brauchte dringend eine Bürokraft; jemanden, der mitdenken konnte und der sich seine Arbeit am besten auch noch selbst suchte.
Und das tat ich. Ich bastelte an der Werkstatthomepage und baute mein Wissen im Webdesign aus. Nachdem mein Sohnemann auf der Welt war und ich mich von der Geburt erholt hatte, begann ich auch wieder, mich zu bewerben.

Endlich in der Bibliothek

Nach mehreren Bewerbungsanläufen landete ich schließlich in »meiner« Bibliothek. Der Zufall wollte es, dass auch diese ohne Umzug für mich erreichbar war. Die simple Tatsache, dass ich autodidaktisch arbeitete und mir einfach selbst die nötigen Kenntnisse im Webdesign erworben hatte, qualifizierte mich für den Job, den ich heute noch mache.
Leider hat sich meine Vorgabe »etwas mit Büchern« zu machen in meinem Beruf nicht gänzlich erfüllt. Ich habe nämlich für gewöhnlich keine Bücher in der Hand, sondern sitze am PC und programmiere mit Javascript, schreibe News oder Anleitungen und gestalte diverse Kleinigkeiten. Systembibliothekar nennt sich so etwas heute. Und nein, ich hätte mir zu Schulzeiten niemals träumen lassen, dass ich einmal programmieren würde. Auch nicht während meines Studiums. Aber mir gefällt es.

Und wie ist das mit der Vereinbarkeit?

Tja, was meinen Beruf angeht, hatte ich bis letzten September zum Glück wenig Probleme mit der Vereinbarkeit. Der einfache Grund dafür hieß: Hausmann.
Nachdem ich das Medizinstudium aufgegeben hatte, hing es nur noch davon ab, wer zuerst einen Job findet, um zu entscheiden, wer bei Sohnemann zuhause blieb. Ich fand zuerst den Job – und mein Mann hatte fortan all die Probleme, die man als Elternteil hat, wenn man ein Kind zuhause hat und vielleicht doch irgendwo einen Fuß in die Tür der Arbeitswelt bekommen will. Außerdem hatte mein Mann schlicht die falsche Ausbildung gemacht und wenig Motivation in seinem Beruf letztlich auch zu arbeiten. Mir fiel also die Ernährerolle zu. Und ich kann nur sagen: Ich hasse sie! Sein eigenes Geld zu verdienen ist eine Sache. Es fühlt sich auch gut an. Aber alleine das Geld zu verdienen und abwägen zu müssen, wie viele Stunden ich unbedingt arbeiten muss, um unseren Lebensstandard aufrechtzuhalten und dabei aber trotzdem noch genug Zeit für die Kinder zu haben, ist nochmal etwas anderes. Denn auch wenn ich gerne arbeite, meine Kinder sind mir einfach wichtiger. Als Hausfrau würde ich mich allerdings sicherlich auch nicht wohl fühlen. Ich brauche einfach ein gutes Mittelmaß.

Dass es hier läuft, hängt jedoch auch mit großem Glück in vielen Dingen zusammen. Von der Wohnung über verständnisvolle Chefs und Kollegen, bis hin zu meinen Verwandten, die uns immer so wunderbar unterstützt haben. Ohne all das wäre ich wahrscheinlich schon lange am Boden zwischen all dem, was ich will und was ich muss. Denn die Unterstützung von Seiten des Staates hält sich jetzt, wo mein Mann eine zweite Ausbildung macht, leider in Grenzen. Zwar bekommt er einen Bildungsgutschein, doch dieser deckt vielleicht gerade Mal die Hälfte der Kosten. Trotzdem ginge es ohne diesen gar nicht, denn die ersten zwei Jahre als angehender Erzieher verdient mein Mann nichts, kann aber nicht wie vorher die ganze Zeit für die Kinder da sein. Die müssen in der Nachmittagsbetreuung untergebracht werden und die gibt es ja bekanntlich nicht umsonst.

Das größte Problem: Der falsche Kindergarten

Töchterchen ist nicht in unserem Wunschkindergarten gelandet. Stattdessen geht sie im Nachbarstadtteil in den Kindergarten. Nun habe ich ja bereits schon geschildert, dass ich nicht Auto fahre. Bis letzten September hat es mir nichts ausgemacht. Bis selbst ich Autohasserin begriff, für wie selbstverständlich es gilt, ein Auto zu haben, selbst in einer doch recht großen Stadt wie unserer mit eigentlich guten Verkehrsanbindungen.
Aber die Verkehrsanbindungen sind nicht gut genug. Eine halbe Stunde brauche ich morgens, bis ich Töchterchen im Kindergarten abliefern kann. Da macht es wenig Unterschied, ob wir mit dem Bus fahren oder mit dem Rad. Als Pendlerin muss ich dann rennen, um am Bahnhof meinen Zug zu bekommen. Und das ist noch weit einfacher, als die Situation, wenn ich Töchterchen abholen muss. Denn ja, auch mein Mann muss in die entgegengesetzte Richtung. Nun ist es aber leider nicht so einfach, von unserem Hauptbahnhof oder von der Schule meines Mannes mit den öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Rad pünktlich am Kindergarten zu sein. Nicht, wenn man bedenkt, dass weder ich – und trotz all der Flexibilität, die ich glücklicherweise in meinem Job habe – einfach weniger arbeiten kann, als ich wöchentlich muss, noch mein Mann seinen Unterricht versäumen sollte. Eine Verlängerung der Kindergartenzeit können wir uns allerdings nicht leisten. Wir werden schon ein Problem bekommen, wenn die Betreuungskosten im nächsten Jahr, wie angekündigt, steigen werden.
Für einen Kindergartenwechsel haben wir bisher jedoch eine Abfuhr erhalten. Dabei wäre unser Wunschkindergarten sogar von der Verkehrsanbindung ideal. Aber es zählt eben nur, dass all das möglich wäre, hätten wir ein Auto. Und so steht mittlerweile auch wieder eines vor der Wohnung auf der Straße – und selbst ich muss zugeben, dass ein Auto entlasten ist.

Und wo bleiben da die Kinder?

Tja, das frage ich mich in der letzten Zeit oft. Ich habe doch nicht zwei Kinder in die Welt gesetzt, um am Ende kaum noch etwas mit ihnen zu tun zuhaben?
Unser Tagesablauf hat sich im letzten Jahr radikal geändert. Ich kochte unter der Woche nicht mehr abends. Die Kinder Essen in der Betreuung warm, dann brauche ich mir nicht mehr Mühe machen, als Abends noch Brote zu schmieren und Obst zu schneiden. Kleinigkeiten für mich sind schnell zubereitet. Wir essen also noch zusammen und dann ist der Tag quasi auch schon gelaufen. Ich bin abends einfach nur noch fertig und meinem Mann geht es nicht besser. Alles, was ich mit meinen Kindern mache, verlagert sich auf das Wochenende; einen Tag, an dem ich mir die Kinder schnappe und einfach irgendetwas mit ihnen unternehme und wenn es nur ein langer Spielplatzausflug ist.
Irgendwie zwischendurch wird dann auch noch ein ganz klein wenig Hausarbeit erledigt.

Fällt noch irgendwem auf, dass an diesem Konzept irgendwas nicht so ganz stimmen kann? Die große Frage, die ich mir da stelle, ist: geht das nur uns so? Sind nur wir so unfähig, den ganzen Alltag zu meistern? Geht es nur uns so, dass keiner von uns am Ende mehr die Energie hat, mit den Kindern zu reden oder auch nur zuzuhören, was sie zu sagen haben? Geht es nur uns so, dass die ganze Woche einfach nicht genug Zeit ist, sich wirklich mit den Kindern zu beschäftigen?

Der Wunschtraum Autorin

Es gibt in all dem Tagesstress noch eine kleine Zeitspanne, die mir so wichtig ist, dass ich versuche sie im (fast) jeden Preis zu halten. Mein Name Möchtegernautorin kommt nicht von irgendetwas. Ich habe so viele Hobbys zwischenzeitlich aufgegeben, doch das Schreiben hat sich gehalten. Es war sogar so wichtig, dass ich während meiner Schwangerschaft mit Sohnemann beschloss, es wirklich ernst zu nehmen und zu lernen. Denn dieses Hobby, dass ich im Moment wirklich in den geringsten Zeitfenstern ausübe, die ich mir im Laufe des Tages schaffen kann, ist das, was ich eigentlich wirklich will. Ich will schreiben! Ich will mein Buch in der Buchhandlung stehen sehen! Oder besser noch meine Bücher?
Dreißig Minuten habe ich dazu täglich. Dreißig Minuten am frühen Morgen, in denen ich versuche, mir etwas aufzubauen, dass veröffentlichungswürdig ist und das ich an einen Verlag schicken kann. Ich mache mir nicht die Illusion davon leben zu können. Ich weiß, dass ich auch weiterhin werde arbeiten gehen müssen; dass ich weiterhin arbeiten gehen möchte! Aber mein erklärtes Ziel ist es, etwas in einem guten Verlag zu veröffentlichen.

Und ganz vielleicht klappt es ja doch. Vielleicht werde ich ja doch Bestsellerautorin und kann mir ein kleines Schreibbüro leisten, in der Nähe von Töchterchens zukünftiger Schule. Dann wäre ich so flexibel, wie man nur sein kann, könnt schreiben so viel ich will und hätte all die Zeit, die ich wirklich haben will für meine Kinder. Wäre das nicht toll?

 

Zuletzt

Ja, das bin also ich: Vollzeitmutter, Teilzeitbibliothekarin und Möchtegernautorin 🙂 Dies sind die drei wichtigsten Eckpfeiler meines Lebens und meines Alltags – und fragt bloß nicht, wo ich da noch das Stricken unterbringe.

 

Anekdote: Konflikte und Mutterstolz

Neulich erzählte mein Sohnemann, ein Junge in der Schule habe ihn geärgert und ihn ins Gesicht geschlagen. Es war nicht richtig fest, doch fest genug, dass ein Wackelzahn herausfiel. Ich fragte ihn, was er dann gemacht habe und er sagte, er habe sich bei einem Lehrer der Pausenaufsicht beschwert. Danach sei er dem Jungen gefolgt, um zu sehen, in welche Klasse er ging, und habe sich noch einmal bei der Klassenlehrerin beschwert. Von dieser habe der Junge nochmal richtig Ärger bekommen – und Sohnemann ein »Idiot« hinterhergeworfen.
Ich kann schwer beschreiben, was bei dieser Geschichte in mir vorging. Ich weiß, mein Sohnemann ist kein Rabauke und er würde nicht zurückschlagen. Doch als ich über diese Geschichte nachdachte, füllte sich meine Brust zunehmend mit Stolz. Mein Sohn hat dem Jungen gezeigt, dass er sich nicht herumschupsen lässt und er hat es ihm gezeigt, indem er den richtigen Weg gewählt hat. Er hat nicht etwa zurückgeschlagen, er war nicht außer sich oder in Tränen aufgelöst. Er war sicherlich wütend, doch er hat das getan, was bei Kindern, die unbedingt dazugehören wollen, verpönt ist: petzen. Und es ist gut so! Es ist gut, dass er sich nicht davon scheut, es Erwachsenen zu sagen! Es ist gut, dass er nicht den Kopf einzieht und sich herumschupsen lässt!
Ich bin mir nicht sicher, ob ich in der Schule damals so gehandelt habe, ob es mir eingefallen ist, den Lehrern bescheid zu geben, wenn ich geärgert wurde. Allerdings wurde ich als Mädchen nie geschlagen. Aber ich bin stolz darauf, dass mein Sohnemann von ganz alleine den meines Erachtens richtigen Weg gewählt hat um dem Jungen zu zeigen, dass er sich nicht herumschuppsen lässt!

Asylkritiker, Fremdenhass, Rassismuss.

Eigentlich wollte ich mich zu dem Thema Rassismus und Fremdenfeindlichkeit gar nicht äußern. Thematisch passt es nicht in diesen Blog, schließlich soll es hier ja um Kinder gehen. Jedoch muss ich feststellen, dass sich meine Meinung aus meinen sonstigen Beiträgen nicht wirklich ergibt. Meine Einstellung dazu ist mir aber wichtig. Also sage ich es ganz deutlich. Es gibt diverse Dinge, zu denen ich aus Mangel an Information einfach keine Meinung habe. Fremdenhass gehört eindeutig nicht dazu. Ich brauche keine Informtionen um mir dazu eine Meinung zu bilden, ich brauche nur gesunden Menschenverstand:

Fremdenhass, Rassismus – oder wie immer ihr es mittlerweile nennen wollte – ist dämlich!

Ich habe in den letzten Wochen so viele Begriffe dafür gelesen, dass ich langsam auch nicht mehr weiß, wie ich es nennen soll. Mittlerweile gibt es sogar schickere und modernere Bezeichnungen als nur „Rassismus“ der „Fremdenhass“; Bezeichnungen, die verschleiern sollen was dahinter steckt. Aber es bleibt der gleiche Hintergrund: Es ist die Angst vor den Fremden, die Angst selbst Abstriche machen zu müssen, wo es einem hier in Deutschland doch so gut geht. Es ist die Angst sich vielleicht selbst einmal damit auseinandersetzten zu müssen, warum man so denkt, in sein eigenes Selbst zu blicken und herauszufinden, dass man klein und selbstsüchtig ist. Es ist eine nicht rationale Angst, wie die vor dem Monster unter dem Bett.

Obgleich ich meinen Urlaub genossen habe, so ist mir nicht entgangen, dass sich die Lage langsam jedoch stetig zugespitzt hat. Es werden Menschen angefeindet, es brennen Unterkünfte. Und so hatte mein ganzer Urlaub einen faden Beigeschmack.
Es tauchten Erinnerungen aus meiner Kindheit auf. Ich war schon immer ein Nachrichtenmuffel, dennoch gab es Dinge, die nicht an mir vorbeigingen. Brennende Flüchtlingsunterkünfte zum Beispiel, Menschen, die dabei gestorben sind und Menschen, die deswegen jubelten – und die Frage, warum jemand so etwas macht. Warum zündet jemand ein Haus an, in dem sich Menschen befinden? Vielleicht sogar Kinder, wie ich damals eines war?

Die Frage stelle ich mir noch immer. Genauso, wie einige andere. Mensch ist Mensch, egal ob schwarz oder weiß, grün oder pink. Äußerlichkeiten und Herkunft interessieren mich nicht. Mich interessiert, wie sich ein Mensch verhält. Und jeder Flüchtling, mit dem man normal als Mensch umgehen kann, ist mir lieber, als jemand, der diesem stumpfsinnig irgendwelche kriminellen Motive unterstellt ohne ihn zu kennen. Und mal ehrlich? Wie müssen sich die Menschen fühlen, die nach Deutschland kommen, die ihre Heimat aus welchen Gründen auch immer verlassen haben und nun mit Nichts in einem Land stehen, dessen Kultur sie nicht kennen und dessen Sprache sie nicht können? Meint ihr nicht, die haben auch Angst vor den Fremden hier? Noch mehr, wenn sie derart „herzlich“ empfangen werden?

Ich für meinen Teil bin nicht stolz eine Deutsche zu sein. Ich bin stolz, dass einer meiner Großväter aus Ungarn kam. Auch wenn ich weder mit der Kultur noch der Sprache irgendetwas am Hut habe, auch wenn ich ihn sogar niemals kennenlernen konnte, mit dem Gedanken fühle ich mich wohler, als nur deutsch zu sein.
Ich bin stolz auf meine Tante, die vor ich weiß nicht wie vielen Jahren einen dunkelhäutigen Mann heiratete und mit diesem drei Kinder bekam. Sie erzählte mir einmal, sie sei hier in Deutschland öfter gefragt worden, ob sie die Kinder adoptert habe.
Ich bin stolz auf meine Cousine, die zwar eine deutsche Mutter hat und wieder in Deutschland lebt, aber eben nicht auf den ersten Blick als Deutsche zu erkennen ist. Dennoch hat sie sich entschieden, hier zu leben und nicht in Amerika zu bleiben.
Ich bin stolz auf meine beste Freundin, die aus Asien kommt und trotzdem ihre Heimat hier in Deutschland hat. Eine besser Freundin könnte ich mir gar nicht wünschen!
Ich bin stolz, dass auch in der Familie meines Mannes nicht zählt, woher jemand kommt und zwei Brasilianerinnen und ein Engländer dazuzählen.
Und ich bin stolz auf meine Kinder, denen Aussehen und Herkunft auch völlig egal ist. Es zählt, dass jemand nett ist. Ich bin stolz auf meine Tochter, die sich konsequent drei zurückhaltenden Mädchen aus ihrer Kindergartengruppe ausgesucht hat um mit ihnen zu spielen; drei Mädchen, die noch an der sprachlichen Barriere hängen. Sie hat die Initiative ergriffen, nun sind es vier dicke Freundinnen.
An unseren Kindern sieht man es immer wieder: man muss ihnen die Vorurteile erst beibringen. Von alleine haben sie keine.

Noch habe ich ein paar Tage Urlaub. Die werde ich nutzen, herauszufinden, wo wir Sachspenden abgeben können. Denn: auch in unserer Stadt wurden Flüchtlinge aufgenommen. Und ich möchte keiner von den Menschen sein, die zwar ihr Mitleid bekunden, die jedoch trotzdem auf dem Hintern sitzen bleiben. Es mag nicht allzu viel sein, was ich tun kann. Aber wir haben aussortierte Kleidung und Spielsachen. Immerhin ist es ein bisschen.

Interessante Beiträge zum Thema

Da mir das Thema wichtig ist, habe ich euch noch zusammengesucht, was ich im Urlaub so an interessanten Kommentaren gelesen habe.
Zusätzlich weise ich gesondert und ausdrücklich auf #Bloggerfuerfluechtlinge hin:

Logo #Bloggerfuerfluechtlinge

Es ist eine wunderbare Aktion und ich hoffe, es beteldigen sich noch sehr viele weitere daran!

Blog-Beiträge dazu:
Zoës Zuhause: Tolleranzgrenze

Zweifachmama: #Bloggerfuerfluechtlinge: „Mama, warum ist da ein Feuer?“

Grosse Köpfe: Ich sage MÖP zur Masse der Gesellschaft #Bloggerfuerfluechtlinge

Glucke und so: Wenn morgen nichts mehr da wäre …

Bunt und farbenfroh: Ich kann’s nicht mehr hören …

Super Mom Blog: #bloggerfuerfluechtlinge // Was wir tun können

Die gefährliche Welt – oder: Wenn Selbstständigkeit im Keim erstickt wird

Im Leben aller Eltern gibt es Ereignisse, die sie ins Grübeln bringen; über die eigene Situation, die eigenen Kinder, die eigenen Erziehungsmethoden und so weiter. Im letzten Sommer passierte etwas, dass mich seit dem nicht mehr ganz losgelassen hat und mich seither doch immer mal wieder über die Selbstständigkeit meine Kinder nachdenken lässt.

Der freundliche Nachbar

Es war einer meiner Migränetage in den Sommerferien, die ich letztes Jahr leider viel zu oft hatte. Kopfschmerzen, Übelkeit und Lichtempfindlichkeit waren zwar vorbei, doch es war „der Tag danach“, an dem ich mich die durchgekaut und ausgespien fühle. Entsprechend hatte ich keine Kraft mit den Kindern rauszugehen. Genauso wenig, wie mit dem Hund. Die Kinder konnte ich immerhin in den Garten schicken, unser alter Hund jedoch wollte wenigstens einmal am Tag ein bisschen spazieren gehen.
Also bat ich meinen Sohnemann, mit dem Tier wenigstens eine Runde zu drehen. Töchterchen, zu dem Zeitpunkt zweieinhalb, wollte ebenfalls mitgehen. In völligem Selbstbewusstsein, sagte Sohnemann, sie könne mitkommen und er würde das schon schaffen – ich muss dazu sagen: wenn Sohnemann sich etwas zutraut, ohne, dass ich ihn dazu drängen muss, kann ich davon ausgehen, dass er es auch wirklich kann. Andernfalls würde er es mir sagen.

Nun waren Kinder und Hund vielleicht 20 Minuten weg und hüpften schon wieder im Garten herum, als es klingelte. Am Tor stand ein „freundlicher“ Nachbar, der es darauf angelegt hatte, mir die Leviten zu lesen. Ich könne doch meinen Achtjährigen nicht einfach mit Hund und einem Kleinkind hinausschicken! Das sei eine Verletzung meiner Aufsichtspflicht! Sohnemann sei noch gar nicht in der Lage, auf seine Schwester aufzupassen und den Hund dürfe er sicherlich auch noch nicht führen. Sähe er das noch einmal, würde er das Jugendamt informieren.

Davon war ich nun etwas überrumpelt und den Rest des Tages sehr aufgewühlt. Besagter Nachbar war zwar nicht unfreundlich gewesen, aber deutlich und wenn mir etwas Angst macht, dann ein System, das mir meine Kinder wegnehmen könnte.

Es war das letzte Mal, dass ich Sohnemann seine Schwester auf einen Spaziergang mitnehmen ließ.

Anekdote meiner Mutter

Als ich diese Geschichte meiner Mutter erzählte, erzählte sie mir auch eine.

Sie erinnert sich an eine Begebenheit, als sie vielleicht sieben Jahre alt war. Sie musste schon in dem Alter auf ihre beiden dreijährigen Geschwister aufpassen und sie seien den ganzen Tag draußen gewesen. Während sie mit den Gleichaltrigen spielte, habe sie zwar oft daran gedacht, dass sie auch auf ihre Geschwister achten müsse, habe den Gedanken aber nicht immer in die Tat umgesetzt. Irgendwann war ihr Bruder dann verschwunden.
Als sie fix und fertig mit ihrer Schwester nachhause kam, bekam sie natürlich Schelte. Aber kein Erwachsener sei mitgegangen, um ihren Bruder zu suchen. Im Gegenteil, sie musste es selbst machen und zusätzlich ihre Schwester ebenfalls mitnehmen. Die dürfte auch nicht zuhause bleiben.
Zum Glück fand meine Mutter ihren Bruder wieder. Sie vermutet, er sei einfach einer Gruppe älterer Kinder hinterhergelaufen und habe nicht mithalten können. Als sie ihn fand, lag er schlafend in einem Graben.

Gefährliche Welt oder Wandel der Elternschaft?

Wenn man sich die Geschichten anschaut, stehen dahinter zwei völlig verschiedene Mentalitäten. Die Kinder waren von Anfang an dazu angehalten, selbstständig zu sein, ob sie es wollten oder nicht. 50 Jahre sind seit dem vergangen und die Gesellschaft hat sich gewandelt. Während früher die Kinder einfach nur nach draußen geschickt wurden und sich selbst beschäftigen mussten, werden viele heute stattdessen in irgendwelche Förderkurse gesteckt, die sie nicht brauchen oder wollen, oder dürfen in der dritten Klasse immer noch nicht alleine zur Schule gehen. Für Beides kenne ich leider Beispiele.
Sicherlich, man ist als Elternteil verpflichtet, auf seine Kinder zu achten und dafür zu sorgen, dass es ihnen gut geht. Ich weiß auch, dass die Auslegungen für so etwas sehr weit gedehnt werden kann. Da gibt es die sogenannten Helikoptereltern, die ihre Kinder immer im Auge haben müssen und jeden Keim an Selbstständigkeit zu ersticken scheinen und es gibt jene, die das noch viel lascher sehen, als ich – oder es einfach nicht anders können, weil 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche vier kleine Jungen um sie herumspringen und beschäftigt werden wollen.

Immer wieder scheinen Kinder fasziniert davon zu sein, dass ich auf sie reagiere, wenn sie mich ansprechen. So erfahre ich manches Mal auch ihre Sicht der Dinge und habe bereits Geschichten gehört, bei denen ich dachte „das arme Kind“. Aber wer bin ich, über Eltern zu urteilen, die ich nichteinmal kenne? Sicherlich würden einige genauso denken, wenn sie wüssten, dass ich Sohnemann mit fünf Jahren bereits alleine auf den Spielplatz habe gehen lassen. Aber ich kenne meine Kinder, ich weiß, was ich ihnen zutrauen kann und was nicht. Und ich denke – oder hoffe vielleicht mehr – dass andere Eltern das genauso gut einschätzen können wie ich. Die Welt ist nicht gefährlicher geworden, sie ist voller geworden. Es gibt mehr Autos, mehr Dreck, mehr Lärm, mehr Menschen in den Städten und dadurch leider auch mehr Verrückte an einem Fleck. Aber hier in Deutschland, in einer mittelgroßen Stadt, ist das Leben nun einmal so. Und damit müssen meine Kinder umgehen lernen, denn hier leben wir. Dafür haben wir Regeln; allgemeine, wie die Verkehrsregeln und eigene, die meinen Kindern sagen, was sie machen sollen, wenn sie zum Beispiel von Fremden angesprochen werden.
Sohnemann ist sensibel genug, dass er weiß, diese Regeln sind nur zu seiner eigenen Sicherheit gedacht. Er weiß, wenn er mich fragt, gibt es nicht kategorisch ein Nein. Wenn es eines gibt, dann immer mit Begründung. Andersherum darf er mir aber auch sagen, warum er etwas machen möchte und mich umstimmen. Ich vertraue ihm schließlich.

Töchterchen ist übrigens auch gerade in einer Phase, in der sie Selbstständigkeit zeigt. Leider geht das oft mit einem Dickkopf, Tränen oder Schmollen einher, wenn sie nicht ihren Willen bekommt. Doch habe ich die Zeit, darf sie die Schuhe alleine anziehen – auch falschherum. Sie darf beim kochen helfen und den Hund an die Leine nehmen.
Auch da muss man sich als Eltern jedoch sensibilisieren. Manchmal ist es schon ein Drama, wenn ich den Klettverschluss öffne und den Schuh wegstelle, anstatt sie das selbst machen zu lassen. Denn, wenn sie hilfe braucht, sagt sie es.

Fazit

Wenn ich darüber nachdenke, stoße ich doch immer wieder auf Situationen, in denen Sohnemann von anderen Menschen, Behörden und so weiter in die Schranken gewiesen wird, obgleich wir beide wissen: er kann es. Der neueste Fall ist, dass er nicht alleine mit dem Rad zur Schule fahren darf, da er noch keine Prüfung abgelegt hat. Sicherlich hätten auch diverse Leute aufgeschrienen, wenn sie gewusst hätten, dass Sohnemann schon mit fünf alleine auf die Spielplätze in der Umgebung gehen dufte. Er hatte es sich zugetraut, also durfte er, denn ich war dank meiner zweiten Schwangerschaft oft nicht dazu in der Lage ihn zu begleiten. Und wir haben dafür Regeln aufgestellt, die er befolgen sollte und soweit mir bekannt ist, auch befolg hat.

Vermutlich wird es uns auch noch öfter treffen, dass meine Kinder nicht tun dürfen, was sie können – auch wenn ich bei Töchterchen anders Maß nehmen muss. Sie ist sich nicht immer so sicher, wie Sohnemann. Letzterer versteht es aber immerhin. Er findet es nicht gut, aber er versteht es. Ich hoffe inständig, dass Töchterchen es ebenso einsehen wird, wenn ich ihr Dinge verbieten muss, die sie eigentlich kann.

Besonders eines halte ich in der Erziehung nun einmal für sehr wichtig: Man muss seinen Kindern auch Vertrauen schenken und sie Dinge tun lassen, die sie machen wollen, auch wenn man selbst Zweifel hat, ob das klappt. Denn das fördert die Selbstständigkeit und diese ist im späteren Leben sehr hilfreich.

Links

Eltern.de: Der lange Weg zur Selbstständigkeit

kizz – Das Elternmagazin für die Kitazeit: Ich kann das schon alleine – Selbstständigkeit bei Kindern

kinder.de: Die Entwicklung des Kindes im 3. Lebensjahr – Entwicklung zur Selbständigkeit