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Die falschen Kartoffeln – oder: Was Ernährungsgewohnheiten bewirken können

Ernährung halte ich für ein wichtiges Thema. Ich bin zum großen Teil vegetarisch aufgewachsen und war schon Flexitarierin, als der Vegetarismus noch lange kein Trend war und ich mich in Restaurants mit Beilagen begnügen musste. Damals nannte ich mich „Gelegenheitsfleischesserin.“
Den Schritt zur richtigen Vegetarierin tat ich, kurz bevor ich mit Töchterchen schwanger wurde. Obwohl ich mir vornahm, in der Schwangerschaft eventuellen gelüsten nach Fisch (ja, ich war eine Fischliebhaberin) nachzugeben, hatte ich dieses Bedürfnis nie. Seit dem Entschluss vor mittlerweile sechs Jahren bin ich nicht mehr abgewichen und musste mich natürlich auch den Fragen meiner Kinder stellen, weswegen ich kein Fleisch und keine echte Wurst esse. Denn der Mann isst Fleisch. Er isst leider sogar gerne Fleisch und wenn er kocht, dann ist immer Fleisch drin.

Mein vegetarisches Grundrezept

Dadurch, dass ich die Hauptköchin bei uns bin und auch frisches und saisonales Biogemüse bevorzuge, haben meine Kinder eine ähnliche Kindheitsernährung, wie auch ich sie genießen durfte. Auch, als ich noch Flexitarierin war, habe ich nie selbst mit Fleisch gekocht und mich nur ab und zu mal an einem Fischfilet versucht. So kam es natürlich, dass auch meine Kinder weitestgehend vegetarisch ernährt werden.
Als ich dann bei Töchterchen mit Beikost begann, hielt ich mich auch da an mein vegetarisches Grundkonzept. Ich kochte verschiedenes Gemüse und verarbeitete es zu Brei. Gekaufte Gläschen kamen mir nicht ins Haus, unter anderem weil es wenig Auswahl in Bioqualität und ohne Fleisch gab. Allein der Gedanke, dass mein eigenes Kind ein anderes Kind, ein Tierkind, essen sollte, ein Lamm oder Kalb, verursachte mir Übelkeit. Also ließ ich es. Während der Breizeit bekam sie also gar kein Fleisch und auch keine anderen Tierprodukte.

Aber auch Kinder werden größer und wollen andere Dinge ausprobieren und ich bin die Letzte, die versuchen würde in dieser Richtung etwas zu verbieten. Käse hatte Töchterchen schnell für sich entdeckt. Die Wurst, die der Mann für sich kaufte und das bisschen Fleisch an seinen Gerichten, aßen sie irgendwann auch. Allerdings sind sie beide mittlerweile so weit, dass sie lieber die vegetarische Wurst essen und auch nicht immer das Fleisch, dass der Mann ihnen vorsetzt. Und das ist gut. Sie setzen sich also durchaus mit der Ernährung auseinander.

Brotboxeninhalte

Immer mal wieder bekommen die Kinder Broschüren und Flyer aus dem Kindergarten oder der Schule mit, in denen es um ein gesundes Frühstück geht. Immer, wenn es so weit ist, schaue ich mir die Informationen an und befinde, dass das all das doch eigentlich selbstverständlich ist. In Brotboxen gehört Brot, am besten Vollkorn, und etwas Obst. Der Brotbelag variiert zwischen Frischkäse, Veggi-Wurst und Schokocreme – Letztere dürfen die Kinder einmal die Woche haben. Bei uns war also immer alles im Lot.
Ein Licht ging mir erst auf, als der Mann seinen Minijob begann und das erste mal eine Kleinkindergruppe betreute. Er ist nicht das leuchtende Beispiel für eine gesunde Ernährung, doch was er in den Brotboxen der Kinder sah, schockierte ihn – und im Grunde auch mich. Natürlich zielen diese Flyer nicht auf Mütter wie mich ab. Ich mache mit dem Frühstück meiner Kinder alles richtig -im Gegensatz zu vielen anderen. Der Mann redete sich in seiner Zeit dort den Mund fusselig, und versuchte den Eltern zu verdeutlichen, dass Milchschnitte und Joghurt kein ausgewogenes Frühstück war.
Auch das Resultat solcher Ernährung bekam er zu sehen: eine Dreijährige hatte so schlimmen Karies, dass sie ihre Milchzähne alle wurzelbehandelt und überkront bekam. Ihre MILCHZÄHNE! Aber laut der Eltern ließ sie sich eben nicht die Zähne putzen. Laut der Eltern aß sie auch nichts anderes, als das, was der Mann täglich in ihrer Brotbox sah. Töchterchen fand sich schnel damit ab, dass sie im Gegensatz zu anderen Kindern keinen Joghurt im Kindergarten frühstücken darf, denn Joghurt ist bei uns Nachtisch.
Diese Gewohnheiten tragen die Kinder ihr Leben lang mit, so lange sie nicht anfangen, sich darum Gedanken zu machen.

Bio vs. Billig

Eine dieser Gewohnheiten, die ich meinen Kindern offensichtlich vermittelt habe, stufe ich als positiv ein, denn: Es bedeutet Biogemüse und -obst schmecken anders. Ich rede es mir nicht ein, auch Andere bemerken es. Zum Beispiel meine Kinder.
Vor über einem Jahr war es so weit, dass Töchterchen länger im Kindergarten bleiben und dort auch zu Mittagessen musste. Ich gebe zu, Töchterchen ist nicht ganz einfach, was das Essen betrifft. Ließe man sie, würde sie sich wohl nur von Äpfeln und Schokolade ernähren. Was aber auch immer ging, waren Nudeln und Kartoffeln – bis sie mir schon in der ersten Woche des Mittagessens im Kindergarten erzählte, die hätten da die falschen Kartoffeln und diese würden ihr nicht schmecken.
Problemetisch wurde es, als Sohnemann im Sommer endlich auch in die Nachmittagsbetreuung der Schule gehen konnte. Zuerst freute ich mich, denn es bedeutete, ich musste mich nicht mehr jeden Abend hinstellen und etwas kochen. Ich begann am Wochenende Kleinigkeiten vorzukochen, mit denen ich mir unter der Woche schnell etwas Warmes am Abend zaubern konnte. Zuerst hängte sich der Mann wieder dran. Seine Aussage „Lass mein Abendessen meine Sorge sein“ löste sich in Luft auf. Danach dauerte es aber nicht lange, bis auch Sohnemann ankam und mich fragte, ob ich nicht abends wieder für alle kochen könnte, denn die Kartoffeln in der Nachmittagsbetreuung würden so wässrig schmecken.

Das moralische Debakel

Im Kindergarten und in der Schule bekommen die Kinder natürlich auch Fleisch vorgesetzt. Sohnemann weiß, weswegen ich Vegetarierin bin. Er weiß, dass ich es einfach nicht für richtig halte, Lebewesen so zu behandeln, wie es in der Massentierhaltung getan wird. Und er ist das, was ich noch vor einigen Jahren war: Flexitarier. Töchterchen hat es mit ihren gerade mal fünf Jahre bevorzugt, sich keine Gedanken darüber zu machen, ob das, was sie im Kindergarten bekommt richtiges Fleisch ist. Sie ist fest davon überzeugt, auch dort bekommen sie vegetarisches Schnitzel, wie ich es auch manchmal mache. Selbst nachfragen möchte sie aber nicht.
Zum Jahreswechsel geriet ich nun abermals ins Grübeln, wie bereits vor sechs Jahren. Ich fasse nie Vorsätze für das neue Jahr. Es macht meiner Meinung nach keinen Sinn, denn wenn ich etwas ändern will, sollte ich dann anfangen, wenn ich erkannt habe, dass ich etwas ändern will, anstatt damit zu warten. Dennoch habe ich mich gefragt, ob es nicht möglich wäre, vielleicht Veganerin zu werden und auf jegliche tierische Produkte zu verzichten. Doch allein diese Überlegung eröffnete mir, dass es nicht ganz so einfach wird, wie der Schritt zur Vegetarierin. Aber ich kann nach und nach meine Ernährung prüfen und zunächst Kleinigkeiten ändern, sowohl für mich selbst als auch beim Kochen. Ich kann mehr veganes in meinen Alltag bringen. Und in einem bin ich mir sicher: Meine Kinder werden es bemerken.